Zwei Himmel

39934f0f-d0a6-4c3c-993d-8b7dba9e1dc9.jpegSie zog die Vorhänge zu. Hellblaue Vorhänge vor einer gelben Wand. Die sollten bestimmt sonnengelb sein. Sollte hell und freundlich sein. Sie konnte sich den Text dazu in der Broschüre genau vorstellen: „In unseren freundlich eingerichteten Zimmern können Sie wieder zu Kräften kommen. Ausgestattet mit modernster Technologie und…“ aber was soll’s. Sie war nicht hier, um über die Wandfarben zu philosophieren. Ihretwegen konnten die Wände hier schlammbraun sein. Sie starrte schon seit so vielen Tagen immer wieder an die Wände und sah doch nichts. Sie sah nichts und sie sah alles. Sie sah all das, was sie lieber nicht sehen würde. Sie sah die leuchtenden Erinnerungen. Sie sah die Bilder, die immer wieder von vorne in ihrem Kopf abliefen. 

Sie setzt sich auf ihren Stuhl zurück. Sie sitzt schon so lange in diesem Stuhl, dass sie gar nicht mehr weiß, wie sie sitzen soll. Deshalb steht sie zwischendurch auf um so unnütze Dinge zu tun, wie die Vorhänge zuzuziehen, Wasser zu holen draußen auf dem Gang, oder sich die Hände in dem kleinen Badezimmer zu waschen. Jedesmal, wenn sie dann in den Spiegel schaut, erschrickt sie über ihre blasse, trockene Haut und die dunklen Schatten unter ihren Augen. Als hätten sich all die Nächte, die Tränen, diese Sorgen tief, ganz tief in ihr Gesicht eingegraben. 

Und es wäre kein Wunder. So tief hat es sich in ihre Seele eingegraben, festgekrallt in ihr. Seit er da lag, seitdem er nur noch hier war, nur noch in diesem Krankenhauszimmer, seitdem er nur noch der war, der da lag, seitdem war auch ihr Leben nur noch hier. Als wäre ihre Seele an seine gekettet und solange er hier lag, war auch für ihre Seele nur noch ein Platz möglich. Hier bei ihm, in diesem Zimmer.

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.2 

Sie war froh um jeden Tag, jede Stunde, die sie zusammen gehabt hatten. Jetzt war sie froh. Jetzt, wo sie gern jede Minute zurückgeholt hätte, in der sie ihn abgewiesen hatte. Wenn er sie am Telefon nervte mit seinen immer gleichen Geschichten. Wenn er ihr gegenüber saß und immer die Augenbrauen auf diese eine Art und Weise hob, die sie schon als Kind beim Abendessen nicht ausgehalten hatte. Eine Arroganz hatte er an den Tag legen können, wie sie nur große Brüder ihren kleinen Schwestern gegenüber zeigen konnten.

Sie waren nicht oft einer Meinung gewesen, eigentlich nie. Er war der Spießer, sie die Unbeständige. So waren die Geschwisterregeln gewesen.

Die Diagnose hatte daran nicht viel geändert. Zunächst. Und dann doch. Weil ihr die Sorge um ihn langsam näher kam, als sie je gedacht hätte. Weil eines Morgens dieser Kloß im Hals da war, der nicht mehr wegging, egal wie oft sie ihn hinunterschluckte. Weil das Essen nicht mehr schmeckte, der Kaffee immer bitter und die Sonne immer zu grell war.

Sie beugte sich zu ihm. Sie nahm seine Hand. Welches Recht hatte sie nur, so traurig zu sein. War es nicht egoistisch von ihr, ihn nicht gehen zu lassen? Er hatte es so lange versucht. Er war so lange dabei geblieben, dass es nicht wahr war. Dass dieses Leben sein Leben bleiben würde. Dass dieser Himmel sein Himmel war. Dass dieses Leben ihn noch brauchen würde.

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! 

Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Sie wollte kein neues Leben. Sie wollte jetzt und hier das Alte zurück. Den alten Himmel und die alte Erde.

Aber diesen Himmel gibt es nicht mehr. 

Liebe Gemeinde, wenn jemand stirbt, wenn uns jemand verlässt, dann gibt es diesen Himmel nicht mehr. Oder anders: Für uns gibt es ihn noch. Aber der andere sieht nicht mehr mit uns nach oben.

Es gibt nicht mehr Dich und mich. Es gibt uns nicht mehr nebeneinander. 

Es gibt nicht mehr, dass Du wegwischst, was ich fürchte.

Es gibt nicht mehr, dass Du mehr aushältst als ich bin.

Nein, diesen Himmel gibt es nicht mehr.

Es war mein und Dein Leben, gestern und vorgestern. Aber diesen Himmel gibt es nicht mehr.

Auf den Stühlen im Krankenhaus. Zuhause vor dem Kleiderschrank. Am Grab bei den Blumen. Da gibt es keinen Thron und kein Alles neu. Da gibt es Erinnerungen. Und ein früher und ein damals und manchmal ein hätte ich nur.

Da gibt es dieses Leben und diese Erde und diesen Himmel. 

Nur manchmal, wenn man alleine ist oder unter ganz vielen Menschen. Manchmal, wenn es regnet oder die Sonne scheint. Manchmal, eigentlich egal, ob Montags oder Sonntags. Eigentlich kann es immer passieren. Da ist es auf einmal. 

Dann knirscht der Kies unter den Füßen. Und mein Blick fliegt wie aus Versehen nach oben. Und da ist er, der Himmel. Er ist immer noch da. Er scheint mehr von der Ewigkeit zu wissen als ich. Er umspannt mich. Meine Angst. Meine Fragen. Mein Vertrauen, das gar nicht mehr da ist. Dieser Himmel weiß mehr vom Leben als ich. Hat schon alle Jahreszeiten gesehen und noch eine mehr. Hat schon so viele Abschiede gesehen. Dieser Himmel umspannt mich.

Das ist der zweite Himmel. Das ist der zweite Himmel, obwohl der erste noch tief in mir ist. Das Lachen und die Liebe. Die Musik, die Sahnetorte, die Marmelade zum Frühstück, dein Duft, Deine Nähe. All das war der erste Himmel.  Für kein Geld der Welt gäbe ich ihn her. Nicht dem Tod geb ich ihm und nicht dem Vergessen. Aber der zweite Himmel nimmt mir nichts. 

Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Liebe Gemeinde, 

Das, was Gott wegwischt, das sind nicht die Erinnerungen. Gott nimmt uns nichts von unserer Liebe für die, die uns fehlen. Er wickelt sie sogar nochmal extra fein in Goldglanzpapier ein. Rahmt sie. Stellt sie uns auf den Frühstückstisch. 

Dass es einen zweiten Himmel gibt, auf den ich hoffe, das macht mein Leben nicht sorgloser. Es macht mich nicht weniger traurig. Dass wir manchmal an einen zweiten Himmel glauben können, zeigt uns nur, dass wir Menschen des Lebens bleiben. 

Die Auferstehung macht mich das Leben lieben. Dem das Lachen nicht im Hals stecken bleiben muss, wenn es langsam wieder kommt. 

Wir sind Menschen des Lebens. Das macht den Tod so unsagbar schmerzhaft. Das macht ihn so unaussprechlich groß. Wir gehören ihm nicht, er nimmt uns nur etwas. Er nimmt etwas, von dem wir dachten, es bleibt. 

Und der Tod ist nicht nur am Grab und am Friedhof. Der Tod ist da, wo die Liebe andere Wege geht. Der Tod ist da, wo das Wollen und Wünschen nicht mehr reicht, um den Menschen zurückzuholen, der gehen will. Der Tod ist da und er ist mein Lebensgegner. Aber er ist nicht stärker als wir. Er ist nicht stärker als unser Träumen.  „Wir werden sein wie die Träumenden“ sagt ein alter Psalm.  Und die Träume, die gibt es nicht nur, wenn wir an den ersten Himmel denken. Die Träume, die gibt es erst recht von morgen. Weil wir Sterne mit zwei Himmeln sind. Weil wir Menschen des Lebens sind. Die träumen und hoffen und lieben müssen, damit wir nicht ersticken. Wir sind Menschen des Lebens. Wir können den zweiten Himmel sehen, irgendwann, ohne den ersten zu verlieren. Dann ist der Himmel blau wie noch nie. Das Leben finden wir nicht nur in der Erinnerung. Wir finden es nicht nur im Hier und Jetzt. Wir finden es auch, wenn wir uns erlauben zu träumen. Neue Bilder zu malen. Von der Hoffnung. 

„Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und siehe, ich mache alles neu.“

Amen.

Inspiriert von Fortuna Ehrenfeld, Zwei Himmel

Gnadenbrunnen

Predigt zum 18.Sonntag nach Trinitatis, gehalten am 20. Oktober 2019 in Prien und Breitbrunn

Liebe Gemeinde,

Vor ein paar Wochen haben wir hier im Gottesdienst über die Landtagswahlen in Sachsen gesprochen. Ich habe dafür gebetet, dass Menschenhass und Rassismus nicht toleriert werden. Dass Parteien, die die Freiheit der Religionen missachten und Zwietracht streuen keinen Erfolg haben. 

Seitdem ist so viel passiert. Ein jüdischer Gottesdienst zum Versöhnungsfest Jom Kippur wurde Ziel eines antisemitischen Anschlags. Und nein, liebe Gemeinde, ich glaube nicht, dass das ein Einzelfall war. Alle Analysen zeigen: Es gibt in unserer Gesellschaft wieder Verschwörungstheorien gegen das jüdische Volk und es gibt Parteien wie die AfD, die so etwas fördern. Der Anschlag verfehlt sein Ziel. Die Holztür der Synagoge war der letzte Schutz für die Menschen, die beteten und sangen. 

Ein paar Tage später stellt Landesbischof Carsten Rentzing sein Amt zur Verfügung. Er war der leitende Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen. Er galt als konservativ, Gegner der Trauung gleichgeschlechtlicher Paare, ansonsten aber vor allem als fromm. Aber auch: Kritische Statements zum immer weiter grassierenden Rechtsradikalismus in Sachsen waren von ihm nicht zu hören. Dass er Mitglied einer schlagenden Burschenschaft war, wurde von etlichen Mitgliedern seiner Kirche kritisiert, aber gezwungenermaßen toleriert. Und dann das: Ein Journalist recherchierte und fand heraus, dass Rentzing vor seiner Zeit als Bischof Texte in rechtsextremen Blättern veröffentlicht hatte. Er stellte die Demokratie als Staatsform der Freiheit in Frage und bestritt, dass Menschenrechte für jeden gültig wären. 

Der Bischof hatte diese Texte nie selbst erwähnt. Er hat sich in all den Jahren nie von ihnen distanziert. Er hat den entscheidenden Moment, die Wahrheit über seine früheren politischen Einstellungen offen zu legen, verpasst.

Jetzt ist es zu spät. Er hat sein Amt verloren. Er wird nicht mehr als Pfarrer arbeiten. Seine Glaubwürdigkeit ist verloren. Er hat Vertrauen verspielt. 

Liebe Gemeinde, ist so jemand wie Carsten Rentzing denn jetzt noch ein guter Christ? Ist er überhaupt einer?

Liebe Gemeinde, ich bin heilfroh, dass ich diese Frage nicht beantworten muss. Und Sie auch nicht. Niemand kann das. Es steht uns nicht zu, die Beziehung Gottes zu einem Menschen zu bewerten. Es fällt mir schwer, das zu sagen, denn natürlich gibt es Menschen, denen weitaus Schlimmeres vorzuwerfen ist, als jugendliche Schmierereien. Es gibt Menschen, die andere umbringen, vergewaltigen, Kriege gegen Unschuldige führen. Aber auch hier: Die Fragen, wem verzeiht Gott? Gibt es eine Hölle? Diese Fragen beantworten nicht wir. 

Diese Sätze: Du gehörst nicht mehr zu Gott. Du bist seine Liebe nicht wert.

Es sind grausame Sätze. Es schaudert mich, wenn ich mir vorstelle, sie hören zu müssen. Oder hören zu müssen, wie er über jemand anderen gesagt wird. Ein gnadenloses Urteil: Du gehörst nicht mehr zu Gott. Du stehst nicht mehr in seiner Liebe. 

Dass wir zu Gott gehören – bedingungslos! – bei jeder Taufe sagen wir das: Das kann niemand von Dir nehmen. Das Kreuz auf deiner Stirn: Du gehörst zu Jesus Christus. Ds Wasser auf Deinem Kopf: Es wäscht alles ab, was Dich von Gott trennt. Und die Bibel: Niemand kann uns scheiden von der Liebe Gottes. Getrennt zu sein von der Liebe Gottes: Es muss die Hölle sein.

Aber, liebe Gemeinde, ich glaube, wir kennen ein paar Flammen dieses Höllenfeuers, das uns manchmal die Ärmel verbrennt und Löcher in unsere Kleidung und ins Herz sengt.

Du bist es nicht wert. Du hast versagt. Du kannst es einfach nicht. Wir sagen es. Du bist nicht gut genug.

Du bist nicht gut genug. Für deine verantwortungsvolle Position.  Weil Du einen Fehler gemacht hast. Einen Fehler, der nicht hätte passieren dürfen. 

Du bist nicht gut genug als Mutter. Weil Du Dich nicht genug gekümmert hast. Du hast ihr keine Jacke angezogen. Du warst nicht da. Du arbeitest zu viel. 

Du hast es schon wieder nicht geschafft, die ganze Mathestunde lang aufzupassen. Du bist echt nicht geeignet fürs Gymnasium.

Du, Du, Du. Die Hölle, das sind die anderen, hat ein Philosoph einmal gesagt. Nein, das glaube ich nicht. Die Hölle, das sind wir. Das sind wir, wenn wir in unserem Kopf Filme drehen darüber, was die anderen jetzt von uns denken. Was für ein Bild sie jetzt von uns haben. Welcher Film läuft in Ihrem Kopf? Ich bin mir sicher, sie kennen ihn. Denn er ist eine Wiederholung. Läuft zuverlässig immer wieder im Kopfkino. Wir sind ein so grausamer Richter. Eine gnadenlose Richterin über uns selbst. Ohne Erbarmen. Ohne Nachsehen. Ohne Ausnahme.

Wir sind fest davon überzeugt: Was wir tun, entscheidet darüber, wer wir für die anderen sind.Daran, wie Du handelst, erkennt man, was für ein Mensch Du bist. Diese Überzeugung haben wir fest verinnerlicht. Und sie fühlt sich an wie die Hölle. So muss sie sein, die Verdammung. Weil wir uns selber so verdammen. 

Und immer, wenn wir so über uns selbst denken, sagen wir auch ein bisschen: So jemand ist es nicht wert. Dass er geliebt wird von Gott, von den Menschen. Wir verurteilen uns, als ob wir Gott wären.

Aber: Weder das, was wir tun, noch das, was wir lassen, bringt uns Gott nahe. Nicht das, was wir aus Liebe tun, das wir aus Angst tun. Nicht das, was wir lassen vor lauter Angst. Nicht das, was wir tun vor lauter Liebe. Unsere verzweifelten Versuche, etwas richtig zu machen. Und all unser Scheitern dabei. All das gehört zu dem, was Luther die Werke nennt, aus denen man eben nicht selig wird. Der reiche Jüngling im Evangelium, das wir vorher gehört haben. Fast alles versucht er. Fast alles versucht er zu tun. Aber alles schafft er nicht. Tief betrübt geht er weg, heißt es. So sehr hat er es versucht. Ja, wer kann denn dann selig werden, fragen die Jünger? 

Bei den Menschen kann man das nicht, sagt Jesus, nur bei Gott. Für ihn ist nichts unmöglich.

Das selige Gefühl von Gottes Liebe berechnet sich nicht aus unserem Werks-Konto. Auch wenn wir uns selbst in der Hölle schmoren lassen für das, was wir zu wenig tun. Das ist nicht Gottes Entscheidung. Das ist unsere. Wir sind es, die so „werksgerecht“ sind. Wir verurteilen uns. Uns – und oft auch die anderen. Diejenigen, die gelogen haben und Dinge verschwiegen haben. Wir sind es, die gnadenlos richten.

Wenn Menschen gelogen und getäuscht haben, ist das schrecklich. Es hätte nicht passieren dürfen. Nicht beim sächsischen Landesbischof, nicht bei den Menschen, die uns wehgetan haben. 

Wenn Menschen andere verletzen und verraten ist das vielleicht unentschuldbar. Kein Mensch muss etwas verzeihen. Manche Verletzungen reichen zu tief um zu verzeihen.

Was wir verzeihen können, wissen wir nur selbst.

Mit wem wir gnädig sein können, auch. 

Ich glaube, wir leben zur Zeit in einer sehr gnadenlosen Gesellschaft. Wir klagen sehr schnell an. In Zeitungen, öffentlichen Debatten. Im Internet. Es ist so wahnsinnig wichtig, gesellschaftliche Missstände anzuprangern. Es ist so wichtig, dass Männer, die Frauen begrapschen, sich Macht über sie verschaffen. Es ist so wichtig, dass Politiker, die Unsinn erzählen, dafür kritisiert werden. Wir dürfen damit nicht aufhören. Was wir aber nicht tun sollten: Diese Menschen persönlich niedermachen. Ihnen die Menschlichkeit absprechen, das Christ-sein, ihre Würde. Das, liebe Gemeinde, ist das Letzte, was wir haben: Es ist Gnade, es ist Demut. Die Trennung dessen, was ein Mensch getan hat und wer er ist – die Unterscheidung von Person und Werk – wir dürfen sie nicht aufgeben, niemals. Das ist die christliche Begründung der Menschenrechte. Jeder Schüler, der in eine Schublade geschoben wird – ach, der ist ein hoffnungsloser Fall! Jede Politikerin, der Geltungssucht unterstellt wird – wir dürfen nicht richten. Reden wir offen und sachlich, diskutieren wir über Greta Thunberg, über Konzerne, über Kirchensteuern. Aber bleiben wir demütig. Mutig und demütig. 

Bei anderen ist das schwer. Und bei uns selbst genauso. Vielleicht üben wir es aber bei uns selbst, das demütig und gnädig sein.

Denn wir machen uns zu Gott, wenn wir so über uns richten. Wir vergessen seine Gnade über uns. Wir lassen das heiße Höllenfeuer in uns brennen.

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Liebe Gemeinde, wir müssen nicht über die Hölle entscheiden. Uns ist eine andere Aufgabe gegeben. Wir können alle unsere Kraft dahinein investieren, die Gnade zu suchen. Die, die auf unseren Kopf tropft manchmal, wie ein kaputter Wasserhahn oder wie ein Duschkopf, der so von oben tropft. So ist sie, die Gnade Gottes, sie tropft unaufhörlich auf uns, immer wieder. Sie kühlt uns den heißen Kopf und manchmal auch das Herz. Sie löscht unsere innere Hölle. Tropfenweise. Gottes Gerechtigkeit strömt wie Wasser und wie ein nie versiegender Bach heißt es in der Bibel. Vielleicht spüren wir nicht immer diese Ströme. Sondern nur die Tropfen. Aber die höhlen unsere Angst aus. Tropfen für Tropfen. Einen Gnadenbrunnen will ich statt eines Zimmerbrunnens. Für unsere Gesellschaft und für mich.

Amen.

Sag, darf ich zu Dir?

Predigt am 15.September 2019 in der Christuskirche in Prien am Chiemsee (vorab veröffentlicht)

„…dann lad ich Dich nicht zu meinem Geburtstag ein!“ und zu war die Tür. „Dann lad ich Dich nicht zu meinem Geburtstag ein – das ist so ungefähr die schlimmste Drohung, die meine vierjährige Tochter aussprechen kann – mir gegenüber, wohl gemerkt. Dass ich manchmal ganz froh wäre, wenn mir der ganze Kindergeburtstagskram erspart bliebe, steht auf einem anderen Blatt…für meine Tochter ist es auf jeden Fall eine Adelung, einer Veredelung einer Beziehung, wenn sie jemanden zu ihrem Geburtstag einlädt. Und eine umso größere Schmach ist es, wenn sie jemanden nicht einlädt.

Dass ich ihre Mutter bin und sie wohl oder übel ihren Geburtstag noch ein paar Jahre auch mit mir verbringen muss, das ist für sie zweitrangig. Familie kann man sich eben nicht aussuchen. Und das denken sich nicht nur pubertierende Jugendliche, die keinen Bock mehr auf Urlaub mit ihren Eltern haben. Das denken sich auch 50 jährige Söhne, die das Meckern des Vaters über seinen Job nicht mehr hören können. Das denken sich 60 jährige Frauen, die die angeblich wohlmeindenen Ratschläge der Tochter am liebsten mit einem „ich weiß schon, was ich tue!“ vom Tisch fegen würde.  Familie können wir uns nicht aussuchen. Sie ist einfach da. Wir werden in sie hineingeboren. Die Menschen aus unserer Familie stehen uns zumindest in den ersten Jahren unseres Lebens näher als sonst irgendjemand. Sie kennen unsere größten Schwächen – die schlechte Laune am Morgen, die Ungeduld. Sie kriegen uns ungeschminkt ab. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. 

Aber genau diese Nähe ist es, die irgendwann kritisch wird. Anstrengend. Es ist die Nähe in einer Familie, die wir ungefragt auferlegt bekommen. Wir teilen dasselbe Bad, oder zumindest denselben Küchentisch. Wir hören die anderen – immer. Wir sehen sie – jeden Tag. Und ich vermute, ich bin nicht die Einzige, die das manchmal schwer erträgt. Besser gesagt: Es nervt. Sehr. 

Nähe

Liebe Gemeinde, man darf so etwas heute sagen, ohne gesellschaftlich geächtet zu werden. Es ist legitim, die eigene Familie anstrengend zu finden. Und zwar sowohl für einen Jugendlichen, als auch für eine Mama und einen Papa. Und für Opa und Oma auch. Von den Männern und Frauen, die ihre Kinder alleine großziehen, ganz zu schweigen. Und Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien – sie alle, wir alle, sollten uns die Freiheit rausnehmen, den Goldglanz von der Joghurt-Werbung ab und zu ein bisschen abzuschlecken. Familie ist bei aller Liebe auch Streit am Küchentisch, Türenknallen und laute Musik im Kinderzimmer. Und jetzt, liebe Gemeinde, hören wir uns mal dazu den heutigen Predigttext an:

(Mk 3)

31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. 32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Ja, dann – hätten wir das ja jetzt geklärt! Jesus hebt alle Familienbeziehungen auf und sucht sich eine neue Familie – ein Wahlfamilie aus seinen Nachfolgern, aus denen, die mit ihm durchs Land ziehen.  Ein spätpubertierender Jesus, der seine Herkunft verleugnet? Nein. Ich glaube nicht, dass uns die Verfasser des Evangeliums hier eine Art Home-Story aus der Jesus-Gerüchteküche präsentieren wollten. 

Diese Geschichte ist so prominent im Neuen Testament platziert, da muss schon etwas mehr dahinterstecken.

Liebe Gemeinde, ich glaube, auch in dieser Geschichte geht es um Nähe. Es geht um die Nähe, die Menschen spüren können, wenn sie eine gemeinsame Sache tragen. Weil sie spüren, dass etwas sie verbindet. Kennen Sie das? Ich bin mir sicher, Sie kennen es. Eine Liebe zur Musik. Zu Blumen. Zu Motorrädern. Zum Laufen. Ich weiß, dass Jugendliche das kennen: Eine Nähe zu jemandem, dem es ähnlich geht wie mir selbst. Weil er das gleiche verloren hat wie ich. Weil sie die gleiche Angst hat wie ich. Weil er die gleichen Träume hat wie ich. Eine solche Nähe zu einem Menschen ist kostbar. Und wunderbar. Wenn wir Glück haben, gibt es mehrere Menschen in unserem Leben, zu denen wir so eine Nähe spüren. Mit dem wir eine besondere Liebe teilen. Manchmal sind das Freunde. Aber manchmal auch Schwestern oder Arbeitskollegen. Eigentlich ist es egal, wer es ist. Wenn man es erlebt, ist es fast verstörend – dass es das gibt: Nähe ohne Argumente. Verbunden-sein ohne äußere Notwendigkeit. 

Eben ohne durch äußere, formale Bedingungen verbunden-sein-zu müssen. Das ist der Unterschied zur Familie. Und DAS ist der Hintergrund für den Satz von Jesus: Um Gottes Nähe zu spüren, müsst Ihr keine äußeren Bedingungen erfüllen. Ihr müsst nichts vom Glauben wissen. Keine besonderen Lieder können und nicht besser sein als die anderen. Gottes Nähe beruht nicht auf Bedingungen. So, wie unsere Nähe zu Menschen genau dann frei und wunderbar und kraftvoll wird, wenn sie bedingungslos ist. Wenn sie uns trägt. Wenn sie uns heller strahlen lässt, als wir es alleine tun könnten. Eine solche Nähe muss man nicht begründen. Man muss sie auch nicht in feste Normen gießen. 

Manchmal erfüllen unsere Familien unsere Sehnsucht nach Nähe und Vertrauen. Manchmal auch nicht. Weil sie konfliktbeladen sind und schwierig. Manchmal verlieren unsere Freundschaften diese Nähe. Weil wir uns verändern, unsere Sicht auf das Leben sich verändert. Und sowohl in der Familie, als auch in unseren Freundschaften tut das weh. Es nimmt uns etwas von unserem Vertrauen in unsere Beziehungen. Weil wir Nähe brauchen. Wie die Luft zum Atmen. Zu Menschen, die uns lieben. Bei denen wir das Herz auf laut stellen können. Und die Gedanken auf Pause. Wir brauchen Menschen, mit denen wir das Leben loslassen können.

Liebe Gemeinde, ich glaube, Gottes Nähe kann manchmal sein wie ein solcher Mensch. Weil er uns umgibt mit Ewigkeit, die größer ist als wir. Weil wir dabei loslassen können von uns selbst. Gottes Nähe kann unser Herz auf laut stellen – weil es keine Tabus gibt für das was wir denken und sagen könnten. Gottes Geist kann die Luft zum Atmen sein, wenn das Leben uns den Atem raubt. 

Hin zu Dir, Gott, das ist schwieriger zu sagen als Hin zu Dir, Du Mensch, dem ich nahe bin. Und beides ist gut und beides brauchen wir, glaube ich. Manchmal fließt es zusammen. In einem Lieder der Sängerin Lea höre ich beides. Und ich glaube, man kann einen Menschen vor sich sehen. Oder mehrere. Oder Gott. Anfang und Ende unseres Lebens

Wenn ich sein muss wie ich wirklich bin

Ohne Maske, ohne fakes Grinsen

Ich würd‘ zu dir gehen

Wenn Träume platzen, die Erde bebt

Es um Leben oder Sterben geht

Ich würd‘ zu dir gehen

Wenn ich glücklich bin, fast am Ziel

Ich das teilen muss, weil ich so sehr fühl‘

Ich würd‘ zu dir gehen

Wenn die Tränen kommen und ich trauern muss

Und ich da einfach durch muss, bis zum Schluss

Ich würd‘ zu dir gehen

Wenn die letzte Stunde für mich schlägt

Und ich die Wahl hab, wohin ich mich leg‘

Ich würd‘ zu dir gehen. Amen.

Alexa, gib mir mein Geld zurück. Oder: Hiob. Oder: Gott heiligt die Fragen.

Predigt am 1. September 2019, Christuskirche Prien am Chiemsee. Den Einstieg verdanke ich: Von wegen Lisbeth, Alexa

Ich dachte, endlich sagt mir jemand wie es geht

Wann lern‘ ich endlich aus meinen Fehlern?

Ja, guten Tag, wie heißt denn hier das WLAN?

Wann ist hier eigentlich wieder was los und

Warum gibt’s so viel Wettbüros?

Warum war früher alles viel schöner?

Warum macht ihr Mayonnaise in den Döner?

Und warum ist die AfD immer noch da

Obwohl ich heut‘ beim Yoga war?

Alexa, gib mir mein Geld zurück!

So hatte ich das doch alles nicht geplant

Alexa, gib mir mein Geld zurück!

Wieso hat mich kein Mensch davor gewarnt

Alexa, gib mir mein Geld zurück!

Ich dachte, du bist die, die mich versteht

Alexa, gib mir mein Geld zurück!

Ich dachte, endlich sagt mir jemand wie es geht

Liebe Gemeinde,

Alexa, der Sprachcomputer von Amazon ist es auf jeden Fall schonmal nicht. Wenn man Alexa etwas fragt, z.B. „Alexa, wann ist der nächste Gottesdienst in Prien am Chiemsee?“ – dann weiß sie mit ziemlicher Sicherheit die richtige Antwort. In Sekundenschnelle scannt sie das Internet und sagt: 8. September, 9.30Uhr. Wunderbar. Fragt man sie allerdings in Dresden: „Alexa, welche Partei soll ich heute bei der Landtagswahl wählen?“ Ja, dann…wird sie wahrscheinlich etwas sagen wie „Tut mir leid, diese Frage kann ich nicht beantworten. Willst Du den wikipedia-Artikel zu Landtagswahl hören?“

Und ja, dann bin ich leider doch wieder auf mich gestellt. Ich erinnere mich daran, als ich hochschwanger war und so sehnsüchtig und ungeduldig war, wann das Baby endlich kommt – dass ich manchmal meine e-mails geöffnet habe und irrsinigerweise gehofft habe, da würde es jetzt stehen, schwarz auf weiß: Ihr Baby kommt am 20. November um 8.28 Uhr. 

Auf manche Fragen weiß selbst das Internet keine Antwort. Und, liebe Gemeinde, während meine Generation tatsächlich alle Fragen erstmal im Internet nachschlägt, haben andere wiederum andere Orte, wo sie die Wahrheit suchen: Horoskope, z.B., glaubt natürlich keiner wirklich dran – wissen trotzdem alle das eigene Sternzeichen. Oder: die Bild-Zeitung. Liest natürlich NIEMAND, hat trotzdem eine so hohe Auflage wie kein anderes Printmedium. Wen kann man noch fragen, wenn man die Wahrheit wissen will? Freunde vielleicht? Da kommen wir jetzt Ihrer Lebensrealität vielleicht schon näher, liebe Gemeinde. Wobei: Wann haben Sie das letzte Mal mit ihren Freunden über die Wahrheit gesprochen? Reden Sie mit Ihren Freunden darüber, wo die Wahrheit aufhört und wo sie anfängt? Reden Sie mit Ihren Freunden darüber, warum das Leben eigentlich so kompliziert ist?

Ja, liebe Gemeinde, wen könnte man noch fragen?

Wenn Sie jetzt meinen, ich wollte auf Gott raus, haben Sie recht und unrecht zugleich. Ja, irgendwann in dieser Predigt wollte ich tatsächlich auf ihn zu sprechen kommen. Aber: Nicht als „richtige Lösung“. Nein, ich glaube tatsächlich nicht, dass Gott auf all unsere Fragen die richtige Antwort geben kann. Zumindest nicht in der Form, dass wir eine Frage in den Raum stellen und und dann wie von Zauberhand oder Zauberstimme die Antwort zugeflüstert bekommen. Ich glaube, da kann man sich selbst ganz schön täuschen. Ich zumindest habe mich da schon getäuscht. Auch die Bibel aufschlagen und nach der Antwort suchen kann nach hinten losgehen. Zum Beispiel beim Thema Landtagswahl. Die Bibel hat keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen.

Liebe Gemeinde, es ist kompliziert. Mit der Landtagswahl und mit dem Leben. Weil wir Antworten brauchen. Unser Leben ist voller Fragen. Wichtiger Fragen. Wie lange muss ich es aushalten? Warum gerade ich? Und wann komme ich an? Und manchmal werden die Fragen wütender. Vorwurfsvoller. Und dann – dann stehen wir da und wissen nicht mehr, wen wir da jetzt eigentlich fragen sollen. Und dann kommt die Unruhe. Wir suchen. Nach Antworten, nach Lösungen. Aber auch nach Schuldigen. Hätte ich doch früher mal…warum war ich nur so…und manchmal da kehrt es sich auch woanders hin. Ich muss da jetzt keine Beispiele machen, das kennen Sie aus Ihrem Leben gut genug. Entweder wir suchen die Verantwortung bei uns oder bei anderen. Manchmal auch bei Gott. Und damit sind wir mitten drin in diesem schrecklichen Dreisatz, in den uns dieser Sonntag heute stellt:

Heute vor 80 Jahren begann der 2.Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen. Weil tausende, nein Millionen Deutsche sich auf einmal ganz sicher waren, wer Schuld ist an ihrer Lage.

Heute, von 8-18 Uhr kann man in Sachsen und Brandenburg seine Stimme bei der Landtagswahl abgeben. Und heute werden tausende Menschen ihre Stimme einer Partei geben, die genau zu wissen scheint, was richtig ist und was falsch. Wer schuld ist und was man jetzt tun muss. 

Und heute haben wir hier einen Predigttext, der klagt und schreit. Es klagt und schreit ein Mann, der sein Leben lang an Gott geglaubt hat. Er war ein guter Mensch. Hat gebetet ohne stolz darauf zu sein. Hat geglaubt ohne hochmütig zu sein. Und er verliert alles. Seine Frau. Seine Kinder. Seine Gesundheit. Er verliert alles. Trotzdem Es bleiben drei Freunde, die sich mit ihm eine Woche auf den Boden setzen. Der Mann hieß Hiob und das sind seine Worte:

1 Hiob antwortete und sprach:

2 Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss.

3 Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte!

4 So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen

5 und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde.

6 Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich.

7 Dort würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter!

8 Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht.

9 Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht.

10 Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich befunden werden wie das Gold.

11 Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab

12 und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir.

13 Doch er hat’s beschlossen, wer will ihm wehren? Und er macht’s, wie er will.

14 Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn.

15 Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm.

16 Gott ist’s, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat;

17 denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.

Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich befunden werden wie das Gold. 

Liebe Gemeinde, Hiob wird geprüft. Gott und der Teufel prüfen ihn. Wollen schauen, ob er immer noch so gläubig ist, der Hiob, wenn man ihm alles nimmt.

Und jetzt steht er da, der Hiob. Sein ganzes Leben ist ein Scherbenhaufen. Der an den er geglaubt hat, Gott, der ist ihm unheimlich geworden. Er misstraut ihm. Er sagt: Du Gott, bist jetzt die Finsternis. Vor Dir Gott, fürchte ich mich jetzt. 

Gott war für Hiob die Wahrheit. Gott war für ihn der, der sein Leben festgehalten hat. Und jetzt?

Jetzt, lauert der Teufel im Hintergrund. Jetzt wird er doch wohl endlich abfallen von seinem Glauben. Wird alles hinschmeißen – die Treue, die Liebe, den Glauben, die Hoffnung. Aber – nein. Hiob bleibt. Und redet. Und redet. Und immer wieder sagt er: Bitte Gott, es würde mir so helfen, wenn Du wenigstens antworten würdest. Rede mit mir. Sag mir wenigstens, was Du Dir dabei gedacht hast. 

Liebe Gemeinde, ich wünschte manchmal ich hätte eine Alexa für mein Leben. Eine moderne Kristallkugel, die die Antworten kennt, die aus der unendlichen Lebensweisheit aller Menschen heraus die richtigen Antworten für mich finden kann. Für mich und meine irrwitzig kleinen Sorgen. Für die Menschen in den Folterkammern heute in Syrien. Ich wünschte, ich könnte glauben an einen Gott der einfachen Antworten. Stattdessen muss ich an einen Gott glauben, der meine Fragen heiligt. Meine Zweifel sind ihm heilig. Meine Angst hält er fest, wie er mich fest hält. Meine Tränen wischt er nicht mit leichtfertigen Versprechungen weg. In den Nächten, wo ich Hiob bin, wo ich Antworten will und mein Recht. Mein Glück. 

Liebe Gemeinde, wir werden aus dem Fragen nicht herauskommen. Und es gibt Menschen, Orte und Wege, Antworten zu finden. Freundinnen und Freunde zum Alltag teilen. Eltern mit Lebenserfahrung. Youtube-Videos, mit denen man sich anschauen kann, wie man einen kaputten Wasserhahn repariert. Es gibt kluge Journalistinnen und Fernsehmagazine, die Fragen stellen und nach Antworten suchen. Und es gibt Kerzen, stille Kirchen und Psalmen, die unsere Fragen auffangen können, ohne uns mit Antworten zu bedrängen. Es gibt Gott, der unsere Fragen heiligt. Und: es gibt keine Menschen, keine Parteien und keine Weltanschauung, die einfache Antworten auf unsere Fragen hat. 

Seien wir wachsam, sehen wir die Grenzen zwischen den Fragen und ihren Antworten.

Denn die Weisheit Gottes und sein Friede ist höher als all unsere Erkenntnis. Amen.

Heidelbeeren. Stadthonig. Buchstabenstempel.

blueberries-3474854_1920Ich liebe diesen Moment. Eigentlich weiß ich, dass er kommt. Irgendwann. Irgendwann im Laufe des Urlaubs. Der Moment kommt nie am Anfang des Urlaubs. Eher in der Mitte. Ungefähr nachdem ich 10 Tage lang ein bisschen ungläubig beobachtet habe, was man in seiner freien Zeit alles machen kann. Wie lang die Tage sind. Wie gut meine Marmeladensemmel schmeckt, wenn ich noch einen zweiten Kaffee dazu trinken kann. Wie schön es ist, meinen Töchtern ein Buch vorzulesen, wenn ich danach nicht gleich zum nächsten Termin muss. Die Tage sind lang und ich begreife so langsam wieder, dass ich mehr bin. Ich bin mehr als das, was ich in meinem Beruf täglich gebe. Und das, obwohl mein Beruf so vielfältig ist. Ich bin mehr. Ich stecke mir jede Heidelbeere einzeln in den Mund. Ich stehe in einer Kirche mitten in Berlin und kaufe ein Glas Stadthonig. Bekomme einen Apfel geschenkt. Daneben steht ein Schild „Gratis. Wie die Liebe Gottes“ Wenn ich also in genau dieser Urlaubsstimmung angekommen bin, dann kommt er irgendwann, der Moment. Der Moment, wo ich mein kleines Büchlein aus der Handtasche krame und finde, irgendwo zwischen Sonnencreme und Reiseführer. Im Café leihe ich mir von der Kellnerin einen Kugelschreiber und fange an zu schreiben. Überschrift: „Was ich zuhause alles machen will.“ Darunter steht:  „Ein Tablett aus Holz für das Frühstück im Garten auf dem Flohmarkt suchen. Heidelbeeren essen. Viele! Zeitschriften im Bett lesen, aber keine Fachliteratur! Natron besorgen und selber Putzmittel herstellen. Schöne Notizzettel. Schwiegermutter bitten, einen Beutel für Brot zu nähen, damit ich keine Papiertüten mehr verschwende. Buchstabenstempel kaufen. Stempeln. Goldenen Nagellack.“

Der Moment im Urlaub, wenn ich eine solche Liste schreibe, ist wunderbar. Weil ich in diesem Moment wie aus der Adlerperspektive auf mein Leben schaue. Ich sehe meinen Alltag zwischen Frühstück, Arbeit und ins Bett fallen. Ich merke, was mir in diesem Alltag fehlt. Aber vor allem sehe ich, was ich an ihm so liebe: Dass ich mich in meinem Beruf frei entfalten kann. Dass ich in der privilegierten Lage bin, mir genau das zu essen kaufen zu können, worauf ich Lust habe. Dass ich eine Familie habe, in der man sich hilft und unterstützt. 

Mitten in diesem Urlaubsmoment bin ich erfüllt vom Glück, mein Leben leben zu dürfen, genau meines. Nicht, dass es darin nichts gäbe, was mich belastet. Da gibt es so einiges. Zweifel und Unsicherheit. Entscheidungen, die mir im Magen liegen. Und Sorgen, die auch der goldene Nagellack nicht überstreichen kann. Und trotzdem: Ich bin mit Leben beschenkt. Ich öffne meine Arme und meine Augen für mein Leben. Ich umarme es, blicke ihm fest in die Augen. Und meine Seele flüstert, leise und unaufgefordert: Danke. Danke Gott, dass Du mir die Liebe in den Schoß fallen lässt. Danke, denn ich brauche mich nicht zu fürchten. Danke, denn ich bin umfangen von einem Leben, das ich mir nicht selbst verdanke. Der nachtblaue Himmel. Mein Blick nach oben. 

Ich schreibe Wort für Wort, worauf ich mich freue. Ich schreibe Wort für Wort, woran mein Herz hängt. Und während ich schreibe, lacht es in mir und ich fühle, dass ich leichter bin, als ich denke. 

Mein Herz ist leicht, wenn ich Danke sage. Es braucht keine „Dankbarkeitsmeditation“ dafür und keine leicht moralische Aufforderung dazu, doch „dankbar zu sein für das, was man hat.“ 

Das Danke geht Hand in Hand mit dem Leicht-sein. Das Danke spaziert auf einem Feldweg entlang. Nein, es hüpft. Es braucht nicht viel Kraft und erst Recht keinen Druck. Die Gnade läuft ihm vorweg. Die Gnade, die Liebe meines Gottes zu mir. Sie lächelt. Sie schaut meine „Nach-dem-Urlaub-will-ich“ – Liste an und sagt: Ohja, das machen wir! Vielleicht nicht alles auf einmal. Aber wir machen es. Die Gnade zieht mich an sich und sagt: „Du bist beschenkt.“ Und ich? Ich flüstere ganz leise „danke“.

Die Weisheit tanzt

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Predigt zum Sonntag Jubilate (Prien 2019)

Die Weisheit ist eine Frau. 

Das überrasche mich nicht. Und ich denke es mir auch nicht aus. Es steht in der Bibel. Das macht es nicht automatisch richtig, aber nachdankenswert. 

Die Weisheit ist also eine Frau. So steht es im Alten Testament. Ich weiß nicht, wer von Ihnen sie schon kennt. Es gibt in der Bibel viele Menschen, Propheten und normale Leute, es gibt Johannes den Täufer und Jesus, es gibt Amos und Jeremia…und ja, da sieht man es schon: es gibt nicht so viele namhafte Frauen. Aber es gibt sie: Hanna, die Prophetin. Maria Magdalena, Maria, die Mutter Jesu. Eva natürlich! Aber irgendwie mit einem nicht so optimalen Ruf…ES gibt Sarah, die man allerdings oft eher als „Frau von Abraham“ kennt als als eigenständige Persönlichkeit. Und es gibt noch mehr – aber tatsächlich war die Kirche lange ein Produkt von Männern. Und das zeigt sich auch darin, welche Personen in den Blick genommen wurden. Das ändert sich in den letzten Jahren. Die Frauen werden mehr gesehen. Wie gut! 

Mit der Weisheit ist es ähnlich. In der Bibel ist sie eine Frau. Ein Geschöpf Gottes. Von Anfang an dabei. Irgendwie also auch schon immer da. So wie Gott selbst. Vielleicht ist sie sogar ein Teil von ihm. Vielleicht ist sie so etwas wie eine Seite, die wir nicht immer begreifen, aber von der wir merken würde, wenn es sie nicht gäbe?

Aber wir hören erstmal, was sie uns sagt. Die Weisheit spricht in unserem Predigttext nämlich heute über sich selbst:

22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. 23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. 24 Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. 25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, 26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. 27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, 28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, 29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, 30 da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; 31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

Als die Tiefe noch nicht war, war sie geboren. Bevor die Erde noch nicht gemacht war. Als die Wolken droben mächtig waren. Als Gott dem Meer seine Grenze setzte. Sie war seine Lust. Und sie spielte. Sie tanzte. 

Ich sehe bunte Tücher. Ich sehe Glitzern und Leuchten. Ich sehe eine Kraft, die durchweht durch die Ordnung von 1., 2., 3. Tag. Sie glänzt wie die Wellen. Und sie tanzt. Sie ist ein bisschen wie ein Sausen und Wehen. Aber das heißt nicht, dass sie harmlos ist. Täuschen Sie sich nicht! Die Frau Weisheit ist kein kleines blondes Mädchen, das man nicht ernstzunehmen braucht. Sie ist nicht nur Gefühligkeit und romantisches Spüren. Sie findet klare Worte:

32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! 33 Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! 34 Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! 35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Das ist Drohung und Verheißung zugleich: Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Wenn Du weise bist, dann hast Du das ewige Leben. Dann bist Du Gott ganz nah. Und irgendwie doch auch dem Glück. Wenn Du die Weisheit findest, dann bist Du dem Glück ganz nah. Was für eine Verheißung. Wer von uns würde das nicht wollen? Das Glück, das ewige Leben in diesem Leben finden. Weise sein. Und das hieße doch dann auch: Etwas von Gott in mir finden. Etwas von der Frau Weisheit, die schon immer da war, ist in mir. Ein Leuchten. Ein Wissen, das in mir ist. Verborgen, aber da. Etwas, das in mir tanzt und spielt. Eine Weisheit, die ganz fest mit dem Leben verbunden ist und trotzdem nicht irgendwo da draußen ist, sondern in mir. Ein Funke Gottes. 

Ja, schön, liebe Frau Hoppe, sagen Sie jetzt wahrscheinlich. Schöne Worte! Gottesfunken, Leuchten, Strahlen in mir…und jetzt? Wie komm ich da hin? Einfach nur lange genug schweigend im Kreis laufen? Da wird mir doch einfach nur schwindelig. Fasten und meditieren? Ich persönlich bekomme da Hunger und schlechte Laune.

Ist die Weisheit dann vielleicht nur etwas für die Gebildeten unter uns? Etwas, was erst dann kommt, wenn wir den Rest des Lebens im Griff haben? Die Bedienung des Wäschetrockners ohne Knitterfalten, die Steuerklärung und die richtige Schule für unser Kind? Ist Weisheit selbst quasi des Lebens letzter Schluss? Ein first world Problem? Erst das Brot, dann die Moral?

Nein, ich glaube nicht. Weil ich glaube, dass Weisheit wenig mit Wissen und wenig mit Handeln zu tun hat. Ich glaube tatsächlich, die Weisheit liegt vor dem Denken und vor dem Handeln. Und wir finden sie nicht am Ende, sondern am Anfang.

So wie die Weisheit schon bei Gott war, als er die Tiefen des Meeres und die Höhe der Berge schuf. Als er die Wolken mächtig machte und dem Wasser seine Grenze setzte. Die Weisheit ist mitten in der Schöpfung, sie spielt und tanzt in ihr. Sie ordnet nicht. Sie analysiert nicht. Sie trifft keine Entscheidungen. Sie ist eine Lust Gottes und eine Lust den Menschenkindern. Die Weisheit ist da, und wenn sie in der Schöpfung ist, dann ist sie auch in uns. Das Reich Gottes ist mitten unter Euch, hat Jesus dazu gesagt. Es ist nicht im Erfolg und nicht im Wissen. Die Weisheit auch nicht. Sie kann uns verloren gehen, das schon.

Aber sie geht uns dann eher so verloren, wie diese Socken in der Waschmaschine, die irgendwie immer einzeln auf der Wäscheleine landen. Wir wissen dann: Eigentlich kann der Socken jetzt doch gar nicht weg sein. Irgendwo muss er sein. 

Das weise-sein geht uns verloren, wenn existenzielle Sorgen uns quälen, oder wir von unseren Gefühlen überwältigt werden, von Liebe, Schmerz, Angst, dann sind wir in Schockstarre – Sie geht uns also dann verloren, wenn wir sie am meisten bräuchten. Ein etwas unpraktisches Konzept, oder? Etwas, was wir sind, aber nicht dann, wenn wir es brauchen? 

Liebe Gemeinde, ja, es ist ein schwieriges Konzept. Es ist eine Lebensaufgabe. Und irgendwie fühlt es sich dann nicht mehr so nach Tanz und Spiel an. Sondern wieder nach machen und handeln.

Was aber wäre, wenn wir stehen bleiben würden. Fühlen würden. Das Leuchten anschauen würden, das auftaucht, wenn wir singen. Tanzen. Fühlen. Die Hand, die mich hält. Die Melodie, die mich trägt. Den Boden unter den Füßen, auf dem ich stehe. Und auf dem ich tanzen kann, wenn ich will. Wir Menschenkinder singen, bevor wir sprechen können. Wir bewegen unseren Körper, bevor wir laufen lernen. Wir malen Bilder, bevor wir schreiben. Wir lesen in den Gesichtern unserer Eltern und Geschwister, bevor wir Bücher und Lebensratgeber lesen können.

Und all das kann eigentlich nicht verloren gehen. Nur verschüttet. Dann schrammen wir ganz eng am Leben vorbei, oder wie die Weisheit sagt, wir verfehlen das Leben. Weil wir laufen und reden und rennen, hinterher und irgendwohin. Bleiben wir besser, dann bringen wir viel Frucht, hieß es vorher im Evangelium. Bleiben wir. Beim Singen und Tanzen und Fühlen. Bleiben wir bei uns. Bei Gott. Amen. 

Von der Hingabe. Predigt am Karfreitag.

Der Altar ist abgeräumt. Die Osterkerze brennt nicht mehr. Das Abendmahlsgeschirr steht nicht mehr da. Die Dornenkrone liegt vor dem Kreuz.

Alles abgeräumt

Alles leer. 

Wo Kerzen waren bleibt jetzt der Rauch. Wo Essen und Trinken waren bleibt jetzt die Leere. Wo Wahrheit war, ist nur noch das Fragezeichen übrig geblieben. Wo das Lachen und die Liebe waren, sind Leere und Vermissen. 

Alles abgeräumt. Alles leer. Wo die Vögel gesungen haben, ist es still. Wo sie gemeinsam geredet haben, ist es leise, so leise. Und in der Luft liegt es noch. Die Gemeinschaft. Das Zusammen und nicht allein.

Was ist leer, bei Dir? Ist es dein Herz, weil es schon so lange nicht mehr kräftig geschlagen hat?

Ist es Dein Bauch, weil etwas fehlt? Der Mensch, der alles weiß, was Du nicht sagst? Das Gefühl, anzukommen? 

Was ist leer bei Dir? Ist es Dein Kopf, weil er so, so leergedacht ist? Weil sich alle Gedanken die Klinke in die Hand geben und Du nicht mehr weißt, wo sie anfangen und wo sie aufhören?

Was ist leer bei Dir? Ist es der Morgen, weil das Aufstehen keinen Sinn macht, weder heute noch morgen? Oder ist es der Abend, weil ja doch nichts aufhört, selbst wenn der Tag endet und die Nacht beginnt?

Das Leben wird uns fremd, wenn es so leer wird in uns. Das Leben wird uns fremd, wenn es so leer ist, weil nichts mehr darin uns an das Leben erinnert, das wir hatten. 

Das Leben wird uns fremd und wir selbst sind Fremdkörper darin. 

Ist das das Leben, das wir suchten? Oder sind einfach wir die falschen in diesem Leben?

Gott, ist das das Leben, das Du für mich wolltest? Oder habe ich einfach nicht verstanden, es richtig zu leben?

Fremd wirst Du mir, Leben. 

Fremd wirst Du mir, wenn Du mir vor die Füße spuckst. Mir das Liebste nimmst, was ich habe. Mir mehr Steine in die Seele legst, als meine Kraft und meine Hoffnung wegspülen kann. Fremd wirst Du mir Gott, wenn ich glaube, dass Du das alles verantworten kannst. Fremd wirst Du mir, Gott, auf Golgatha. Auf diesem Berg voller Schädel und Knochen, voller hingerichteter Hoffnungen und Träume. Fremd bist Du mir Gott, auf Golgatha.

Und voller Schmerz denk ich das Leben in Fülle. Und voller Sehnsucht denk ich an die Momente der Fülle: Als wir gegessen haben. Gelacht und getanzt. Manchmal unter Tränen, wenn es nötig war. Gesungen, auch schief und ohne den richtigen Text. 

Wann ist es voll, bei Dir?

Wenn Deine Füße wie von selber laufen? Weil es die Freundschaft ist und der Glaube an das Gute, die Dich tragen? Weil es immer einen Grund gibt, die Tür aufzumachen?

Wann ist es voll bei Dir? Wenn Du Dir den Bauch hältst vor lauter Lachen? Oder wenn Dein Mund lächelt beim Gedanken an sie? Wenn Du die Schokolade auf der Zunge spürst? Das Süße, das Herbe?

Wann ist Dein Leben voll? Voller Liebe und Wärme. Voller Zuneigung? Zu Dir? Zum Rest der Welt?

So wie ich mich dem Schönen hingebe, so hast Du Dich auch hingegeben, Gott. Hast Dich geteilt damals am See. Als sie so viele Fische haben und so viele Brote, dass sie alle satt wurden. Und noch so viel übrig blieb. Du hast Dich hingegeben Gott, hast Dich geteilt. Du hast nie aufgehört, Gott zu sein. Und hast doch jeden Moment geteilt. Die Tränen der Mütter und die Schmerzen der Väter. Du hast Dich nicht herausgehalten aus der Welt. Wie um uns zu zeigen, dass es möglich ist. 

Dass es möglich ist, zu leben und trotzdem zu scheitern. Dass es möglich ist, das größte Glück zu kennen und den Tod nicht zu leugnen. 

Du Gott, Du hast es ernst gemeint. Mit dem Leben. Du leugnest nicht, dass wir scheitern. Dass wir uns so verrennen. Dass wir zerreißen, was wir lieben, vor lauter Sehnsucht nach der Fülle. Du leugnest nicht, dass wir scheitern. Weil wir gehen, wenn wir bleiben sollten. Weil wir reden, obwohl wir nichts wissen. Nein, Du leugnest es nicht. Verleugnest nicht, dass wir der Sünde ins Gesicht schauen. Und ihr nachgehen.

Du Gott, Du hast es ernst gemeint. Mit dem Leben. Und mit seinen Konsequenzen. Bis dass der Tod uns scheidet, war allerdings nicht Dein Plan. Dein Tod ist gekommen. Du bist im Endlichen dieser Welt geblieben. Hast Dich nicht entzogen. Hast ernst gemacht mit dem Leben und dem Tod. An diesem Holz hängst Du. Ohne Dein Kreuz hätten wir nicht gewusst, dass Du jeden Schritt mit uns gehst. Ohne Dein Kreuz hätten wir nicht gewusst, dass unsere Risse dazugehören. Dass unser Zerrissensein, unser Fehlen und Scheitern uns nicht trennt. Nicht von Dir und Deiner Liebe. Nicht von unserem Leben.

Du bist das Trotzdem, Gott. Das trotz dem Schmerz. Das trotz der Angst. Das trotz der Schuld. 

Schauen wir heute auf ihn. Schauen wir heute weg von uns. Weg von unserer Schuld. Sie ist in ihm. Da auf dem Kreuz. Da in den Dornen. Geht nicht weg, aber ist aufgehoben in der Gnade. In der Liebe. Im Trotzdem.

Die Brotkrumen sehen wir noch und vielleicht auch die Ringe vom Rotwein auf der Tischplatte. So sehr wir auch schrubben, sie gehen nicht weg. Abschleifen ginge, ja, das ginge, aber es würde doch dann alles weg sein, auch das Schöne. Der Geschmack vom Wein und die Süße der Trauben. Leergeräumt ist der Tisch. Doch das Kreuz bleibt. Und in ihm bleiben auch wir. Im Schmerz. In der Liebe. In der Stille.

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Dem Leben dienen. Predigt am Palmsonntag.

Im Kirchenraum liegen im Mittelgang Jacken, Mäntel, Matschhosen. Man muss von außen in die Bankreihen gehen. Der Weg ist bereitet. 

free-wallpaper-frond-green-1999579Liebe Gemeinde,

In der Natur gibt es keine rechten Winkel.

Ja, wirklich! Sie können das jetzt im Kopf gern überprüfen…! Hab ich auch schon gemacht, als mir das letztens jemand gesagt hat. Aber es stimmt. In der Natur kommen keine rechten Winkel und keine klassischen Ecken vor. Es gibt runde Flügel. Und lange Giraffenhälse. Es gibt Pandabären mit rundem, dicken Bauch vor lauter Bambus. Und es gibt Wellen und Wind und Sanddünen. Aber keine rechten Winkel.

Die rechten Winkel haben erst die Menschen erfunden. Pyramiden und Tempel konnte man damit bauen und irgendwann auch Häuser mit flachen Dächern.  Und obwohl es in der Natur keine rechten Winkel gibt, ist sie trotzdem sehr einfallsreich mit ihren Bauplänen. Sie liebt zum Beispiel Sechsecke. Bei Bienenwaben zum Beispiel.

Sechsecke sind nämlich eine geniale Sache für viel Stabilität und Passgenauigkeit. Sechsecke finden wir in unserem Alltag wiederum eher selten. Im Moment sind sie im Design recht beliebt, weil sie oft ganz viel Luft und Leichtigkeit vermitteln. Wir sehen: Die Natur ist kreativ. Sie macht das Beste aus dem, was sie hat. Und sieht dabei auch noch wunderschön aus.

Und sie ist ist anpassungsfähig. Im Laufe der Evolution haben sich Tiere und Pflanzen gegenseitig angepasst und weiterentwickelt. Der große Forscher Charles Darwin hat das entdeckt. Und irgendwann vermutete man, dass sich immer nur die stärksten Exemplare einer Gattung evolutionär durchsetzen würden. Und es dauerte nicht lange, da wurden diese Geister, die man rief, stark und zu einem politischen Programm. Man berief sich auf Darwin und darauf, dass die Menschheit schöner, stärker und besser werden müsste, um zu überleben. Das Programm des „besseren Lebens“ war geboren. Eugenik, heißt es mit einem Fremdwort. Und das „bessere Leben“ war der Grund, warum man auf einmal von einer Herrenrasse sprach. Und von lebensunwertem Leben. Und irgendwann sprach man dann nicht mehr nur darüber, sondern handelte. Versteckte, verschleppte und vergaste man sie. Sie, die Menschen, die nicht in das Konzept passten.

Liebe Gemeinde, die Natur passt in kein Konzept, sie ist kreativ. Und wir Menschen, sind es eigentlich auch. Wir können zum Beispiel Elektroautos bauen und solche, die mit Wasserstoff fahren. Wir können Kühlschränke bauen, die von selbst im Internet Eier nachkaufen, wenn das Eierfach leer ist. 

Wir müssten ihnen nur noch beibringen, an Ostern die Eier auch noch auszublasen!

Wir können wirklich sehr erfinderisch sein. Aber was wir anscheinend nicht können:  Unsere Gesellschaft so gestalten, dass sie für die Menschen da ist, die in ihr leben. Immer wieder machen wir es genau andersrum: Wir fordern von den Menschen, dass sie sich anpassen sollen. Dass sie der Norm entsprechen sollen. In ihrem Verhalten. In ihren sexuellen Neigungen. In ihrer Art, zu sprechen und zu gehen. 

Am Donnerstag gab es im Bundestag eine Debatte darüber, ob ein Bluttest für genetische Abweichungen wie z.B. Trisomie 21, bekannt als Down Syndrom von der Krankenkasse bezahlt werden sollte. Solche Tests gibt es schon länger, aber die alten Verfahren waren gefährlich für das Kind. Der neue Test ist völlig ungefährlich und er wird oft genutzt. Jetzt soll er eine Kassenleistung werden. Von 10 Eltern, deren Kind nach diesem Test als wahrscheinlich behindert gelten, entscheiden sich 9 für einen Abbruch der Schwangerschaft.

Und ich? Ich stehe da und bin hin und hergerissen. Ich verstehe es so gut, dass man als Eltern wissen will, ob das eigene Kind gesund sein wird. Aber ich habe auch eine riesige Angst. Dass es immer normaler wird, normal zu sein. Dass es immer normaler wird, zu sagen, dass Menschen mit einer Behinderung ein weniger lebenswertes Leben haben. Dass wir anfangen, Leben zu bewerten.

Liebe Gemeinde, niemand von Ihnen würde jemandem das Recht auf Leben absprechen. Niemand von uns würde darüber entscheiden wollen, mit welcher Behinderung man leben kann und mit welcher nicht. Aber es gibt Eltern, die vor der Entscheidung stehen, ob sie sich ein Leben mit einem besonderen Kind zutrauen können. Ob sie damit die beste Entscheidung für ihr Kind treffen. Wir können ihnen diese Entscheidung nicht abnehmen. Auch nicht mit dem neuen Gesetzentwurf.

Aber wir können etwas dafür tun, dass unsere Gesellschaft sich ändert. Dass sie es zulässt, dass es Menschen außerhalb der Norm gibt. Wir können uns in den Dienst einer Gesellschaft stellen, in der Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenleben können. Wir können Schranken niederreißen und Tische umwerfen, wenn es sein muss. Wir können für die Menschen da sein, die vor einer solchen Entscheidung stehen. Mit ihnen beten. Ihnen um Himmels Willen Mut machen. Vielleicht Mut dazu, ein Kind zu bekommen, das anders sein wird als die anderen. Und damit wahnsinnig gut in diese Welt passt, in der es keine rechten Winkel gibt. Sondern Koalas und Schmeißfliegen und Wellen und Wind und Eisbären. Und Sechsecke. Die sind ganz besonders stabil und schön.

Jesus wusste nichts von Sechsecken, glaube ich. Er hatte wahrscheinlich auch keine Koalas jemals gesehen, ganz zu schweigen von Eisbären. Schmeißfliegen kannte er vermutlich. Der Esel, auf dem er nach Jerusalem hineinritt, hat sie mit seinem Schwanz verscheucht. Irgendwann blieb der Esel stehen. Der Weg vor ihm sah jetzt anders aus als bisher auf dem Weg aus Galiläa. Auf der Straße lag Kleidung. Mäntel und Tücher. Und Palmzweige, die die Leute von den Bäumen abgebrochen hatten. 

Hosianna, riefen sie, so laut, dass es Jesus in den Ohren klingelte. Schau, scheinen sie zu sagen, wir haben alles für Dich vorbereitet. Es fehlst nur noch Du, unser Messias, Retter der Welt. Wie ein König sollst Du kommen.

Und er kam. Aber nicht als König. Er fühlt sich nicht wie einer. Eher wie ein Diener. Einer, der dient. Den Menschen. In den letzten Monaten war er für sie da. Hat zugehört und war da. Hat gebetet für sie und war da. Wenn es nötig war, hat er Tische umgeworfen, weil es mal jemand geben musste, der klar macht, wo die Grenzen sind. Wenn es nötig war, hat er eine Frau, die von allen durch den Dreck gezogen wurde, in Schutz genommen. Er hat Schranken niedergerissen. Zwischen den Menschen. Zwischen oben und unten. Zwischen Himmel und Erde. Er hat alles getan für ein Leben, in dem es jeder Mensch wert war, zu leben. Und er ist bereit gewesen, dafür seinen Kopf hinzuhalten. Wie es im Predigttext heißt, den wir vorher gehört haben: Ich bot meinen Rücken dar, denen die mich schlugen. Mein Angesicht verbarg ich nicht. Darum habe ich mein Angesicht hart gemacht, wie einen Kieselstein, denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Gott ist mir nahe, der mich gerecht spricht.“

 Jesus hat keine falsche Rücksicht auf Rituale und Gewohnheiten  genommen, die Menschen diskriminierten. Er hat sich schutzlos ausgeliefert, mit all seiner Liebe und seinem ganzen Glauben an das Leben. Er hat so sehr gelebt und geliebt, dass er den Leuten verdächtig wurde. Weil sie glaubten, so einer, der die Welt aus den Angeln hebt, der will auch die Gesellschaft verändern. 

Liebe Gemeinde, ja, ich glaube, das wollte er. Ich glaube, Gott liegt etwas an unserem Leben und an uns. Es liegt ihm etwas daran, dass wir unser Leben hier gemeinsam auf die Reihe kriegen. Und manchmal gehört dazu auch, sich in die Nesseln zu setzen. Widerständig zu sein. Beschwerdebriefe zu schreiben. Menschen, die Behindertenparkplätze blockieren, dezent darauf hinzuweisen. 

Lassen wir die Hüllen fallen. Machen wir uns schutzlos. Werfen wir die falsche Vorsicht über Bord. Gott kommt. Er zieht ein auf einem Esel. Für die, deren Leben genauso gebrochen ist, wie seines, den Diener, den Knecht Gottes. Wir brauchen kein Hosianna, das nur für Könige da ist. Wir brauchen Menschen, die ihr Gesicht zeigen. Und es manchmal hart wie einen Kieselstein machen. Und die sagen „Wer will mein Recht anfechten? Siehe, Gott der Herr hilft mir. Er ist mir nahe, der mich gerecht spricht, wer will mit mir rechten? Er weckt mir selbst das Ohr.“ 

Liebe Gemeinde, dienen wir dem Leben. Dem Leben in seiner Vielfalt. Lassen wir die Hüllen fallen, den falschen Schutz. Damit wir das Leben sehen, die Koalas und die Sechsecke. Besonders die Sechsecke. Amen.

Sunny

Wenn die Nachbarin vom dritten Stock links Verdi-Arien sang, klapperten oben im vierten Stock die Gläser. Sie sang unter Dusche, beim Lockenwickler aufdrehen und besonders gerne beim Staubsaugen. Vielleicht dachte sie, beim Lärm des Staubsaugers würde man sie nicht im ganzen Haus hören? Vielleicht dachte sie auch gar nicht nach. Vielleicht sang sie auch einfach nur gern.

Im zweiten Stock rechts roch es immer nach Waschmittel. Nicht unangenehm, nur eindrücklich. Und die rotwangige Frau und ihr Mann sahen selbst immer ein bisschen gut geputzt und wohlriechend aus. Nur Sonntags, da roch es nach Blaukraut und Semmelknödel. Ja, auch Semmelknödel können riechen.

Im vierten Stock rechts hingegen duftete es jeden Tag anders. Nach Tomaten, Knoblauch und Auberginen. Manchmal auch nach Minze, Koriander und Zimt. Und immer nach vielen Zwiebeln. Der Mann arbeitete als Teppichschneider – zumindest war das die Arbeit, die er manchmal bei den Nachbarn machte, wenn jemand sich einen neuen Teppich fürs Schlafzimmer kaufte. Die Kinder waren vor allem viele, obwohl die Wohnung auch nur vier Zimmer hatte. 

Es waren zwei Häuser mit jeweils acht Wohnungen. Wenn man über den Dachboden lief konnte man ins Nachbarhaus laufen, da wo es immer nach Zwiebeln roch. Dann ganz nach unten – und dann durch den Keller wieder zurück in das erste Haus. Wenn man da wieder nach oben ging – da wohnte Sunny. Sunny war das schönste Mädchen der Siedlung. Sie hatte schwarze Haare, natürlich gefärbt. Und auch blonde, natürlich gefärbt. Ihre Nase war klein uns spitz und sie trug darin einen silbernen Stern. Dass ihr Bauch irgendwann dicker wurde, machte sie nicht weniger schön. Aber vielleicht am Anfang unglücklicher, das weiß ich nicht so genau. Ihre Eltern machte es auf jeden Fall unglücklich, zumindest am Anfang. Sie hätte es besser haben sollen. Ausbildung, feste Stelle, vielleicht Büro. Keine Sozialhilfe. Die Hälfte der Wohnungen in den beiden Häusern war für Sozialhilfeempfänger bestimmt, so hieß es damals noch. Nicht in allen Wohnungen roch es nach Waschmittel. In manchen auch nach Rauch. Und nach Alkohol. Nicht in allen Wohnungen sangen die Frauen. In manchen weinten sie auch und die Türen knallten dazu. Sunny hat sie mit Sicherheit zugeknallt, als sie an diesem Abend aus der Wohnung rauschte.

26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, 27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. 28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! 29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? 30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. 31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. 32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, 33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? 35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. 36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. 37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. 38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Sunny hieß eigentlich Sonja. Und sie zog die Sache durch. Machte die Hauptschule fertig. Warf die langen Haare im Bus nach hinten und zog das Mathebuch aus dem Rucksack. Ich saß manchmal vor ihr. Vor ihr, denn hinter ihr ging nicht. Die Coolen sitzen im Bus schließlich immer ganz hinten. 

Danach hab ich sie eine Zeit lang aus den Augen verloren. 

Und dann wieder gesehen an der Kasse beim Drogeriemarkt. Sie hat mich natürlich nicht erkannt. Aber sie war genauso schön wie früher. Mit glitzerndem Silberstern in der Nase. Das Kind hatte sie natürlich nicht dabei. Eine Kita gab es nicht. Aber Oma und Opa. Und einen Sandkasten vor unserem Haus. Kinder und Mütter und Opas mit Thermoskannen und Butterkeksen gab es eh genug. Fiel eines mehr auch nicht auf. Ronja hieß sie. Fast wie Sonja also.

Liebe Gemeinde, finden Sie es kitschig, dass ich Sunny mit Maria vergleiche? Weil es so ein Klischee ist? Das Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, aus dem Glasscherbenviertel, das dann alleine ihr Kind aufzieht? Und doch irgendwie alles gut hinbekommt?

Ja, liebe Gemeinde, das ist kitschig. Das macht es aber nicht falsch. „Fürchte Dich nicht. Du hast Gnade vor Gott gefunden. Und bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Das IST kitschig. Dass ein Engel erscheint, der Dir die Angst nimmt vor der Zukunft. In weißem Gewand vielleicht sogar und mit Flügeln. Das IST kitschig. 

Und dann sagt sie auch noch das: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Sie gibt dem Engel, sie gibt Gott ihr Leben in die Hand. Mir geschehe, wie Du willst. 

Im Magnificat, dem Loblied der Maria, das wir vorher gesungen haben heißt es: „Du hast die Niedrigkeit Deiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan.“ 

Als Magd bezeichnet sie sich, als Dienerin Gottes. Und lobt Gott dafür, dass er ihr Leben aus den Angeln gehoben hat. Dass er ihr alles genommen hat, was sie kannte und etwas gegeben hat, was sie nicht verstand. 

Sie wirkt gottergeben, die Maria die wir kennen. Aus den Bildern und der Lehre der treuen und frommen Muttergottes. Sie wirkt auch ein wenig brav und bieder, finde ich. Dabei muss sie doch wahnsinnige Angst gehabt haben damals! Sie muss doch um ihr Leben gefürchtet haben! Um das Leben, das sie kannte. 

Nein, liebe Gemeinde, ich glaube nicht, dass Maria sich über ihre Wahl zur „Mutter Gottes“ gefreut hat. Sie hat es nicht als Auszeichnung erlebt. Fürchte Dich nicht, hat der Engel zu ihr gesagt. Denn Du hast Gnade vor Gott gefunden. Gott will Gutes für Dich. Irgendwas hat sie dazu gebracht, ihm das zu glauben. Und nicht nur das. Sie hat ihm nicht nur geglaubt. Sie hat Mut gefasst. Anderen Mut als vorher. Lebensmut. Vielleicht hat sie es nach und nach dann zwar nicht als Auszeichnung, sondern als Auftrag gesehen, dass sie ein Kind unter dem Herzen trägt. Sie hat Gott gelobt. Ihn beschworen: Du sollst die Gewaltigen von Thron stoßen. Und die Niedrigen erheben. Die Hungrigen sollst Du mit Gütern füllen und die Reichen leer ausgehen lassen. So wie Du es an mir getan hast. Mich hast Du erfüllt. Mit Leben und Liebe. Mit unverhoffter Hoffnung.

Die Maria hat dem Engel sein „Fürchte Dich nicht!“ geglaubt. Das Fürchte Dich nicht hat sie getragen all die Jahre hindurch.

Ich weiß nicht, ob zu Sunny damals jemand „Fürchte Dich nicht!“ gesagt hat. Vielleicht nicht. Vielleicht eher sowas wie: „Wir kriegen das schon irgendwie hin.“ Das ist aber genauso gut. Fürchte Dich nicht. Vielleicht sind das Worte, die jedem Menschen gut tun, der ein Kind erwartet. Frauen und Männern. Müttern und Vätern. Wenn Politiker und Zeitungen über den §219a diskutieren, dann vergessen sie das manchmal. Dass es wichtig ist, das zu sagen „Fürchte Dich nicht.“ Dass Menschen Beistand bei ihren Entscheidungen brauchen. Egal, welche sie dann treffen. Weil man Mut braucht, um weiterleben zu können, egal wie. 

MietshausDas Haus, in dem Sunny und ich aufgewachsen sind, gibt es immer noch. Die Fassade wurde renoviert, das Treppenhaus auch. Den Sandkasten gibt es auch noch. Ich mag Häuser mit mehreren Wohnungen darin. Man hört Frauen Arien singen und trifft Leute im Treppenhaus. Es riecht nach Zwiebeln und manchmal gibt es Waffeln. Für alle. Am Sandkasten.

Ich mag die Mehrfamilienhäuser auch fast ein bisschen lieber als die ordentlichen Reihenhäuser mit doppelten Zäunen und Porzellanschildern über den Briefkästen. Vielleicht weil man den Mehrfamilienhäusern schon ansieht, dass darin gelacht und gestritten wird und nicht alles gold ist. Vielleicht mag ich sie auch, weil sie mich an Sunny erinnern. Und an das „Fürchte Dich nicht!“ des Engels.

Weihnachten ist trotzdem. Oder auch: Gnade.

Die folgende Predigt habe ich am Heiligen Abend in der Aschauer Friedenskirche gehalten. Sie ist ganz wesentlich inspiriert von einem Text von der großartigen Susanne Niemeyer: „Plan B„. Ihr findet diesen und weitere Texte auf ihrer Seite www.freudenwort.de. Ich danke ihr, dass ich meine Predigt hier veröffentlichen darf!

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Driving home for Christmas

Oh I cant wait to see those faces…

Sie musste lächeln. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie mitgesungen hatte. War auch sonst nicht so ihre Art. Sie hörte sonst auch kein Autoradio. Das war definitiv unter ihrer Würde.

Aber heute waren andere Dinge wichtig gewesen. Den letzten Flug nicht verpassen, den Mietwagen nehmen und dann einfach nur los. Weihnachten war sonst kein Thema für sie gewesen. Nie gewesen. Und ja, so kitschig das auch klang. Dieses Jahr war alles anders.

Er war anders. Er und seine Kinder. Ihretwegen fuhr sie „nach Hause“. Es war verrückt, aber  es fühlte sich tatsächlich an wie zuhause. Sie blickte in den Spiegel. Sie hatte rote Flecken im Gesicht und sie hatte Augenringe. Aber es war ihr fast egal in diesem Moment. Sie drehte das Radio lauter. But soon there’ll be a freeway yeah. Get my feet on holy ground

Mit den Trommeln fängt es an. Dann gleich die Flöten. Und spätestens wenn die Streicher einsetzen, ist es um sie geschehen. Dann ist es Weihnachten 1973 und die Thomaner singen. Die Tränen steigen schneller auf, als sie sie wegwischen kann. Sie schließt die Augen. Jauchzet, frohlocket. Auf preiset die Tage. Jauchzet! Frohlocket. Dass einen Worte der Freude und des Jubels so traurig machen können. Und so, so sehnsüchtig. 

Sie steht langsam auf und bewegt die Nadel des Plattenspielers vorsichtig auf die Seite. Aber erst als der letzte Ton verklungen ist. Niemals zu früh. Sie lächelt, als sie daran denkt, mit welch konzentriertem Gesichtsausdruck Georg das immer getan hat. Sie legt die Hände ans Gesicht. Sie atmet tief durch. Schaut noch einmal in den Spiegel: Man sieht ihr die Tränen noch an, aber das macht nichts. Sie schlüpft vorsichtig in den dunklen Mantel. Ihr Mann wartet. Ihre Töchter. Und die Enkel. Sie sind alle schon in der Kirche. Wie immer kommt sie erst zum Essen. Denn vorher hört sie das Weihnachtsoratorium. Alleine. Mit Georg.

Last Christmas I gave you my heart. But the very next day you gave it away.

Ja, er lachte sarkastisch auf, Weihnachten war es gewesen. Kurz vor Weihnachten, ein ganz tolles Geschenk. Nur war es keine Frau gewesen, sondern nur eine neue Stelle. Nur. Aber trotzdem, er hatte ihr sein Herz gegeben. Sein Herz und seinen Schlaf und seine Energie. Er hatte so viel investiert. Für nichts und wieder nichts. Nachdem er 6 Monate lang alles gegeben hatte, hatten sie ihn nach der Probezeit nicht behalten. But the very next day you gave it away. Es war ein verdammt beschissenes Jahr gewesen. Alle seine Versuche, das Beste daraus zu machen, waren gescheitert. Und nein, irgendwie sah es auch ein Jahr später noch nicht nach Happy End aus. Es war Weihnachten, er räumte Regale ein. Aber hey, immerhin gab es eine Packung abgelaufene Zimtsterne, die übrig war. Und Zimtsterne gehörten schon immer zu Weihnachten dazu für ihn. Sein Kollege ein Regal weiter winkte ihm zu. Mit einer Schachtel Zigaretten. Pause machen. Zimtsterne essen. Komisch. Weihnachten wurde es immer trotzdem. Auch wenn nichts sonst nach Weihnachten aussah. Zimtsterne gab es immer.   

Liebe Gemeinde,

Weihnachten kommt alles anders. Und zweitens, als man denkt. Dreimal war es Weihnachten. Einmal ganz anders als je zuvor. Einmal ganz so wie immer – nur nicht ganz in der Gegenwart. Und einmal trotzdem. Und eigentlich nur wegen der Zimststerne.

Und für alle drei ist es Weihnachten. Mit oder ohne Baum. Mit oder ohne Kirche. Sie alle hier haben sich für Kirche entschieden. Ich mich auch. Und ja, für mich gehört der Gottesdienst zu Weihnachten dazu. Und ich hab mich auch schon dabei ertappt, wie ich gedacht habe: Diese ganzen Leute, die Weihnachten feiern, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Was machen die da eigentlich? 

Aber ehrlich gesagt, immer wenn ich versuche, zusammenzufassen, worum es eigentlich an Weihnachten geht, scheitere ich. Um die Liebe? Wie in der Penny-Werbung? Ja, auch. Ums Essen, wie in der Aldi-Werbung? Ja, auch. Um die Familie? Wie alle immer sagen? Ja, auch. Um das Kind in der Krippe, um Gott, der Mensch wird, wie wir in der Kirche sagen? Ja, auch.

Aber wer weiß das schon so genau? Die Weihnachtsgeschichte selbst ist alles andere als eindeutig. Irgendwie weiß keiner so genau, wer der Vater ist. Irgendwie weiß keiner so genau, warum die Hirten eigentlich auch noch alle antanzen müssen. Irgendwie weiß keiner so genau, warum man auf einmal für Gott eine neue Geschichte brauchte. Die Vorstellung von Gott gab es schon vorher. Er war der allmächtige Gott, zu dem man betete, der die Israeliten die Hoffnung gab, aus der Knechtschaft befreit zu werden. Er war der Gott, über den man unser ganzes Altes Testament geschrieben hatte. Wozu eine neue Geschichte? Wozu der Stern, der Engel und sein „Fürchte Dich nicht!“ Wozu das Ganze?

Liebe Gemeinde, Weihnachten ist anders. Weihnachten ist nicht eindeutig. Weder wissen wir, wer der Vater war, noch wissen wir, ob das alles wirklich in Bethlehem war. Oder ob das einfach nur gut in die Story gepasst hat. Was wir aber wissen ist: Es war alles anders. Es war nichts eindeutig und klar und einfach. Es war mehrdeutig. Verwirrend und Verworren. Maria und Josef waren nicht geplant. Nicht die Krippe. Nicht der Esel. Und Gott? Für den wir ein neues Bild bekommen? Ein Baby im Stroh. Gibt es etwas, was wir weniger kennen, als ein neugeborenes Baby? Wenn ein Kind zur Welt kommt, wissen wir nichts von ihm. Seine Haarfarbe wird sich noch ändern. Seine Augenfarbe auch. Wir wissen noch nicht, ob unser Kind später lieber Essiggurken oder Schokocroissants essen wird. Das einzige, was wir wissen ist: Du bist anders. Du bist anders, als alles was wir kennen.

Liebe Gemeinde, Gott legt sich nicht fest. Deshalb wird er Mensch. Weil es nichts gibt, das so unvorhersehbar und so einzigartig ist, wie ein Mensch. Weil Menschen meistens das Beste im Sinn haben und sich dann zwischendurch nicht mehr so ganz sicher sind, wie das so genau geht. Weil Menschen meistens versuchen, alles richtig zu machen und irgendwann feststellen, dass es nicht nur ein richtig gibt und mindestens zwei falsch.

Weil wir Plan A verfolgen und dann irgendwann vor Plan B stehen. Plan B ist Katharina statt Annika und Fürstenried statt Frankfurt am Main. Ist nicht schlechter, nur anders.

Liebe Gemeinde, ich glaube, letztlich ist Plan B eine ziemlich gute Sache. Weil er uns befreit von der Vorstellung, dass es ein richtig oder falsch im Leben gibt. Das gibt es nicht. Es gibt nur ein anders. Plan B befreit uns von der lähmenden Überzeugung, dass es verpasste Chancen gibt, die uns das Glück für immer verwehren und Entscheidungen, die uns das Glück für immer garantieren. Gott legt sich nicht fest. Deshalb wird er Mensch. Er legt uns nicht fest. Nicht auf Jura oder Biochemie, nicht auf Peter oder Jakob, nicht auf hilflos oder mächtig. Er lässt uns frei. Er stellt uns Plan B zur Verfügung. Immer wieder. Manche sagen, so geht Gnade. Manche sagen, diese Gnade ist es, worum es an Weihnachten geht.

Weil Gott uns nicht festlegt auf das Eindeutige, Richtige, Wahre. Weil es nicht nur ein richtiges Leben gibt, sondern immer wieder Neuanfänge. 

Weihnachten ist Driving Home für Christmas, Weihnachtsoratorium und Last Christmas in einem. Oder hintereinander. Weihnachten ist Sehnsucht nach dem ganz anderen und trotzdem im Hier und Jetzt zuhause sein. Weihnachten braucht kein Happy End. Denn Weihnachten ist viel mehr Neuanfang als Schlusspunkt. Weihnachten ist trotzdem. 

An Weihnachten ist Plan B dran. Für jeden anders. Und für Gott ganz besonders. Er ist Mensch geworden, damit wir erleben und spüren können, dass seine Gnade niemals aufhört. Sondern genau jetzt anfängt. Frohe Weihnachten!