Die Weisheit tanzt

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Predigt zum Sonntag Jubilate (Prien 2019)

Die Weisheit ist eine Frau. 

Das überrasche mich nicht. Und ich denke es mir auch nicht aus. Es steht in der Bibel. Das macht es nicht automatisch richtig, aber nachdankenswert. 

Die Weisheit ist also eine Frau. So steht es im Alten Testament. Ich weiß nicht, wer von Ihnen sie schon kennt. Es gibt in der Bibel viele Menschen, Propheten und normale Leute, es gibt Johannes den Täufer und Jesus, es gibt Amos und Jeremia…und ja, da sieht man es schon: es gibt nicht so viele namhafte Frauen. Aber es gibt sie: Hanna, die Prophetin. Maria Magdalena, Maria, die Mutter Jesu. Eva natürlich! Aber irgendwie mit einem nicht so optimalen Ruf…ES gibt Sarah, die man allerdings oft eher als „Frau von Abraham“ kennt als als eigenständige Persönlichkeit. Und es gibt noch mehr – aber tatsächlich war die Kirche lange ein Produkt von Männern. Und das zeigt sich auch darin, welche Personen in den Blick genommen wurden. Das ändert sich in den letzten Jahren. Die Frauen werden mehr gesehen. Wie gut! 

Mit der Weisheit ist es ähnlich. In der Bibel ist sie eine Frau. Ein Geschöpf Gottes. Von Anfang an dabei. Irgendwie also auch schon immer da. So wie Gott selbst. Vielleicht ist sie sogar ein Teil von ihm. Vielleicht ist sie so etwas wie eine Seite, die wir nicht immer begreifen, aber von der wir merken würde, wenn es sie nicht gäbe?

Aber wir hören erstmal, was sie uns sagt. Die Weisheit spricht in unserem Predigttext nämlich heute über sich selbst:

22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. 23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. 24 Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. 25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, 26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. 27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, 28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, 29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, 30 da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; 31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

Als die Tiefe noch nicht war, war sie geboren. Bevor die Erde noch nicht gemacht war. Als die Wolken droben mächtig waren. Als Gott dem Meer seine Grenze setzte. Sie war seine Lust. Und sie spielte. Sie tanzte. 

Ich sehe bunte Tücher. Ich sehe Glitzern und Leuchten. Ich sehe eine Kraft, die durchweht durch die Ordnung von 1., 2., 3. Tag. Sie glänzt wie die Wellen. Und sie tanzt. Sie ist ein bisschen wie ein Sausen und Wehen. Aber das heißt nicht, dass sie harmlos ist. Täuschen Sie sich nicht! Die Frau Weisheit ist kein kleines blondes Mädchen, das man nicht ernstzunehmen braucht. Sie ist nicht nur Gefühligkeit und romantisches Spüren. Sie findet klare Worte:

32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! 33 Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! 34 Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! 35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Das ist Drohung und Verheißung zugleich: Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Wenn Du weise bist, dann hast Du das ewige Leben. Dann bist Du Gott ganz nah. Und irgendwie doch auch dem Glück. Wenn Du die Weisheit findest, dann bist Du dem Glück ganz nah. Was für eine Verheißung. Wer von uns würde das nicht wollen? Das Glück, das ewige Leben in diesem Leben finden. Weise sein. Und das hieße doch dann auch: Etwas von Gott in mir finden. Etwas von der Frau Weisheit, die schon immer da war, ist in mir. Ein Leuchten. Ein Wissen, das in mir ist. Verborgen, aber da. Etwas, das in mir tanzt und spielt. Eine Weisheit, die ganz fest mit dem Leben verbunden ist und trotzdem nicht irgendwo da draußen ist, sondern in mir. Ein Funke Gottes. 

Ja, schön, liebe Frau Hoppe, sagen Sie jetzt wahrscheinlich. Schöne Worte! Gottesfunken, Leuchten, Strahlen in mir…und jetzt? Wie komm ich da hin? Einfach nur lange genug schweigend im Kreis laufen? Da wird mir doch einfach nur schwindelig. Fasten und meditieren? Ich persönlich bekomme da Hunger und schlechte Laune.

Ist die Weisheit dann vielleicht nur etwas für die Gebildeten unter uns? Etwas, was erst dann kommt, wenn wir den Rest des Lebens im Griff haben? Die Bedienung des Wäschetrockners ohne Knitterfalten, die Steuerklärung und die richtige Schule für unser Kind? Ist Weisheit selbst quasi des Lebens letzter Schluss? Ein first world Problem? Erst das Brot, dann die Moral?

Nein, ich glaube nicht. Weil ich glaube, dass Weisheit wenig mit Wissen und wenig mit Handeln zu tun hat. Ich glaube tatsächlich, die Weisheit liegt vor dem Denken und vor dem Handeln. Und wir finden sie nicht am Ende, sondern am Anfang.

So wie die Weisheit schon bei Gott war, als er die Tiefen des Meeres und die Höhe der Berge schuf. Als er die Wolken mächtig machte und dem Wasser seine Grenze setzte. Die Weisheit ist mitten in der Schöpfung, sie spielt und tanzt in ihr. Sie ordnet nicht. Sie analysiert nicht. Sie trifft keine Entscheidungen. Sie ist eine Lust Gottes und eine Lust den Menschenkindern. Die Weisheit ist da, und wenn sie in der Schöpfung ist, dann ist sie auch in uns. Das Reich Gottes ist mitten unter Euch, hat Jesus dazu gesagt. Es ist nicht im Erfolg und nicht im Wissen. Die Weisheit auch nicht. Sie kann uns verloren gehen, das schon.

Aber sie geht uns dann eher so verloren, wie diese Socken in der Waschmaschine, die irgendwie immer einzeln auf der Wäscheleine landen. Wir wissen dann: Eigentlich kann der Socken jetzt doch gar nicht weg sein. Irgendwo muss er sein. 

Das weise-sein geht uns verloren, wenn existenzielle Sorgen uns quälen, oder wir von unseren Gefühlen überwältigt werden, von Liebe, Schmerz, Angst, dann sind wir in Schockstarre – Sie geht uns also dann verloren, wenn wir sie am meisten bräuchten. Ein etwas unpraktisches Konzept, oder? Etwas, was wir sind, aber nicht dann, wenn wir es brauchen? 

Liebe Gemeinde, ja, es ist ein schwieriges Konzept. Es ist eine Lebensaufgabe. Und irgendwie fühlt es sich dann nicht mehr so nach Tanz und Spiel an. Sondern wieder nach machen und handeln.

Was aber wäre, wenn wir stehen bleiben würden. Fühlen würden. Das Leuchten anschauen würden, das auftaucht, wenn wir singen. Tanzen. Fühlen. Die Hand, die mich hält. Die Melodie, die mich trägt. Den Boden unter den Füßen, auf dem ich stehe. Und auf dem ich tanzen kann, wenn ich will. Wir Menschenkinder singen, bevor wir sprechen können. Wir bewegen unseren Körper, bevor wir laufen lernen. Wir malen Bilder, bevor wir schreiben. Wir lesen in den Gesichtern unserer Eltern und Geschwister, bevor wir Bücher und Lebensratgeber lesen können.

Und all das kann eigentlich nicht verloren gehen. Nur verschüttet. Dann schrammen wir ganz eng am Leben vorbei, oder wie die Weisheit sagt, wir verfehlen das Leben. Weil wir laufen und reden und rennen, hinterher und irgendwohin. Bleiben wir besser, dann bringen wir viel Frucht, hieß es vorher im Evangelium. Bleiben wir. Beim Singen und Tanzen und Fühlen. Bleiben wir bei uns. Bei Gott. Amen. 

Von der Hingabe. Predigt am Karfreitag.

Der Altar ist abgeräumt. Die Osterkerze brennt nicht mehr. Das Abendmahlsgeschirr steht nicht mehr da. Die Dornenkrone liegt vor dem Kreuz.

Alles abgeräumt

Alles leer. 

Wo Kerzen waren bleibt jetzt der Rauch. Wo Essen und Trinken waren bleibt jetzt die Leere. Wo Wahrheit war, ist nur noch das Fragezeichen übrig geblieben. Wo das Lachen und die Liebe waren, sind Leere und Vermissen. 

Alles abgeräumt. Alles leer. Wo die Vögel gesungen haben, ist es still. Wo sie gemeinsam geredet haben, ist es leise, so leise. Und in der Luft liegt es noch. Die Gemeinschaft. Das Zusammen und nicht allein.

Was ist leer, bei Dir? Ist es dein Herz, weil es schon so lange nicht mehr kräftig geschlagen hat?

Ist es Dein Bauch, weil etwas fehlt? Der Mensch, der alles weiß, was Du nicht sagst? Das Gefühl, anzukommen? 

Was ist leer bei Dir? Ist es Dein Kopf, weil er so, so leergedacht ist? Weil sich alle Gedanken die Klinke in die Hand geben und Du nicht mehr weißt, wo sie anfangen und wo sie aufhören?

Was ist leer bei Dir? Ist es der Morgen, weil das Aufstehen keinen Sinn macht, weder heute noch morgen? Oder ist es der Abend, weil ja doch nichts aufhört, selbst wenn der Tag endet und die Nacht beginnt?

Das Leben wird uns fremd, wenn es so leer wird in uns. Das Leben wird uns fremd, wenn es so leer ist, weil nichts mehr darin uns an das Leben erinnert, das wir hatten. 

Das Leben wird uns fremd und wir selbst sind Fremdkörper darin. 

Ist das das Leben, das wir suchten? Oder sind einfach wir die falschen in diesem Leben?

Gott, ist das das Leben, das Du für mich wolltest? Oder habe ich einfach nicht verstanden, es richtig zu leben?

Fremd wirst Du mir, Leben. 

Fremd wirst Du mir, wenn Du mir vor die Füße spuckst. Mir das Liebste nimmst, was ich habe. Mir mehr Steine in die Seele legst, als meine Kraft und meine Hoffnung wegspülen kann. Fremd wirst Du mir Gott, wenn ich glaube, dass Du das alles verantworten kannst. Fremd wirst Du mir, Gott, auf Golgatha. Auf diesem Berg voller Schädel und Knochen, voller hingerichteter Hoffnungen und Träume. Fremd bist Du mir Gott, auf Golgatha.

Und voller Schmerz denk ich das Leben in Fülle. Und voller Sehnsucht denk ich an die Momente der Fülle: Als wir gegessen haben. Gelacht und getanzt. Manchmal unter Tränen, wenn es nötig war. Gesungen, auch schief und ohne den richtigen Text. 

Wann ist es voll, bei Dir?

Wenn Deine Füße wie von selber laufen? Weil es die Freundschaft ist und der Glaube an das Gute, die Dich tragen? Weil es immer einen Grund gibt, die Tür aufzumachen?

Wann ist es voll bei Dir? Wenn Du Dir den Bauch hältst vor lauter Lachen? Oder wenn Dein Mund lächelt beim Gedanken an sie? Wenn Du die Schokolade auf der Zunge spürst? Das Süße, das Herbe?

Wann ist Dein Leben voll? Voller Liebe und Wärme. Voller Zuneigung? Zu Dir? Zum Rest der Welt?

So wie ich mich dem Schönen hingebe, so hast Du Dich auch hingegeben, Gott. Hast Dich geteilt damals am See. Als sie so viele Fische haben und so viele Brote, dass sie alle satt wurden. Und noch so viel übrig blieb. Du hast Dich hingegeben Gott, hast Dich geteilt. Du hast nie aufgehört, Gott zu sein. Und hast doch jeden Moment geteilt. Die Tränen der Mütter und die Schmerzen der Väter. Du hast Dich nicht herausgehalten aus der Welt. Wie um uns zu zeigen, dass es möglich ist. 

Dass es möglich ist, zu leben und trotzdem zu scheitern. Dass es möglich ist, das größte Glück zu kennen und den Tod nicht zu leugnen. 

Du Gott, Du hast es ernst gemeint. Mit dem Leben. Du leugnest nicht, dass wir scheitern. Dass wir uns so verrennen. Dass wir zerreißen, was wir lieben, vor lauter Sehnsucht nach der Fülle. Du leugnest nicht, dass wir scheitern. Weil wir gehen, wenn wir bleiben sollten. Weil wir reden, obwohl wir nichts wissen. Nein, Du leugnest es nicht. Verleugnest nicht, dass wir der Sünde ins Gesicht schauen. Und ihr nachgehen.

Du Gott, Du hast es ernst gemeint. Mit dem Leben. Und mit seinen Konsequenzen. Bis dass der Tod uns scheidet, war allerdings nicht Dein Plan. Dein Tod ist gekommen. Du bist im Endlichen dieser Welt geblieben. Hast Dich nicht entzogen. Hast ernst gemacht mit dem Leben und dem Tod. An diesem Holz hängst Du. Ohne Dein Kreuz hätten wir nicht gewusst, dass Du jeden Schritt mit uns gehst. Ohne Dein Kreuz hätten wir nicht gewusst, dass unsere Risse dazugehören. Dass unser Zerrissensein, unser Fehlen und Scheitern uns nicht trennt. Nicht von Dir und Deiner Liebe. Nicht von unserem Leben.

Du bist das Trotzdem, Gott. Das trotz dem Schmerz. Das trotz der Angst. Das trotz der Schuld. 

Schauen wir heute auf ihn. Schauen wir heute weg von uns. Weg von unserer Schuld. Sie ist in ihm. Da auf dem Kreuz. Da in den Dornen. Geht nicht weg, aber ist aufgehoben in der Gnade. In der Liebe. Im Trotzdem.

Die Brotkrumen sehen wir noch und vielleicht auch die Ringe vom Rotwein auf der Tischplatte. So sehr wir auch schrubben, sie gehen nicht weg. Abschleifen ginge, ja, das ginge, aber es würde doch dann alles weg sein, auch das Schöne. Der Geschmack vom Wein und die Süße der Trauben. Leergeräumt ist der Tisch. Doch das Kreuz bleibt. Und in ihm bleiben auch wir. Im Schmerz. In der Liebe. In der Stille.

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Dem Leben dienen. Predigt am Palmsonntag.

Im Kirchenraum liegen im Mittelgang Jacken, Mäntel, Matschhosen. Man muss von außen in die Bankreihen gehen. Der Weg ist bereitet. 

free-wallpaper-frond-green-1999579Liebe Gemeinde,

In der Natur gibt es keine rechten Winkel.

Ja, wirklich! Sie können das jetzt im Kopf gern überprüfen…! Hab ich auch schon gemacht, als mir das letztens jemand gesagt hat. Aber es stimmt. In der Natur kommen keine rechten Winkel und keine klassischen Ecken vor. Es gibt runde Flügel. Und lange Giraffenhälse. Es gibt Pandabären mit rundem, dicken Bauch vor lauter Bambus. Und es gibt Wellen und Wind und Sanddünen. Aber keine rechten Winkel.

Die rechten Winkel haben erst die Menschen erfunden. Pyramiden und Tempel konnte man damit bauen und irgendwann auch Häuser mit flachen Dächern.  Und obwohl es in der Natur keine rechten Winkel gibt, ist sie trotzdem sehr einfallsreich mit ihren Bauplänen. Sie liebt zum Beispiel Sechsecke. Bei Bienenwaben zum Beispiel.

Sechsecke sind nämlich eine geniale Sache für viel Stabilität und Passgenauigkeit. Sechsecke finden wir in unserem Alltag wiederum eher selten. Im Moment sind sie im Design recht beliebt, weil sie oft ganz viel Luft und Leichtigkeit vermitteln. Wir sehen: Die Natur ist kreativ. Sie macht das Beste aus dem, was sie hat. Und sieht dabei auch noch wunderschön aus.

Und sie ist ist anpassungsfähig. Im Laufe der Evolution haben sich Tiere und Pflanzen gegenseitig angepasst und weiterentwickelt. Der große Forscher Charles Darwin hat das entdeckt. Und irgendwann vermutete man, dass sich immer nur die stärksten Exemplare einer Gattung evolutionär durchsetzen würden. Und es dauerte nicht lange, da wurden diese Geister, die man rief, stark und zu einem politischen Programm. Man berief sich auf Darwin und darauf, dass die Menschheit schöner, stärker und besser werden müsste, um zu überleben. Das Programm des „besseren Lebens“ war geboren. Eugenik, heißt es mit einem Fremdwort. Und das „bessere Leben“ war der Grund, warum man auf einmal von einer Herrenrasse sprach. Und von lebensunwertem Leben. Und irgendwann sprach man dann nicht mehr nur darüber, sondern handelte. Versteckte, verschleppte und vergaste man sie. Sie, die Menschen, die nicht in das Konzept passten.

Liebe Gemeinde, die Natur passt in kein Konzept, sie ist kreativ. Und wir Menschen, sind es eigentlich auch. Wir können zum Beispiel Elektroautos bauen und solche, die mit Wasserstoff fahren. Wir können Kühlschränke bauen, die von selbst im Internet Eier nachkaufen, wenn das Eierfach leer ist. 

Wir müssten ihnen nur noch beibringen, an Ostern die Eier auch noch auszublasen!

Wir können wirklich sehr erfinderisch sein. Aber was wir anscheinend nicht können:  Unsere Gesellschaft so gestalten, dass sie für die Menschen da ist, die in ihr leben. Immer wieder machen wir es genau andersrum: Wir fordern von den Menschen, dass sie sich anpassen sollen. Dass sie der Norm entsprechen sollen. In ihrem Verhalten. In ihren sexuellen Neigungen. In ihrer Art, zu sprechen und zu gehen. 

Am Donnerstag gab es im Bundestag eine Debatte darüber, ob ein Bluttest für genetische Abweichungen wie z.B. Trisomie 21, bekannt als Down Syndrom von der Krankenkasse bezahlt werden sollte. Solche Tests gibt es schon länger, aber die alten Verfahren waren gefährlich für das Kind. Der neue Test ist völlig ungefährlich und er wird oft genutzt. Jetzt soll er eine Kassenleistung werden. Von 10 Eltern, deren Kind nach diesem Test als wahrscheinlich behindert gelten, entscheiden sich 9 für einen Abbruch der Schwangerschaft.

Und ich? Ich stehe da und bin hin und hergerissen. Ich verstehe es so gut, dass man als Eltern wissen will, ob das eigene Kind gesund sein wird. Aber ich habe auch eine riesige Angst. Dass es immer normaler wird, normal zu sein. Dass es immer normaler wird, zu sagen, dass Menschen mit einer Behinderung ein weniger lebenswertes Leben haben. Dass wir anfangen, Leben zu bewerten.

Liebe Gemeinde, niemand von Ihnen würde jemandem das Recht auf Leben absprechen. Niemand von uns würde darüber entscheiden wollen, mit welcher Behinderung man leben kann und mit welcher nicht. Aber es gibt Eltern, die vor der Entscheidung stehen, ob sie sich ein Leben mit einem besonderen Kind zutrauen können. Ob sie damit die beste Entscheidung für ihr Kind treffen. Wir können ihnen diese Entscheidung nicht abnehmen. Auch nicht mit dem neuen Gesetzentwurf.

Aber wir können etwas dafür tun, dass unsere Gesellschaft sich ändert. Dass sie es zulässt, dass es Menschen außerhalb der Norm gibt. Wir können uns in den Dienst einer Gesellschaft stellen, in der Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenleben können. Wir können Schranken niederreißen und Tische umwerfen, wenn es sein muss. Wir können für die Menschen da sein, die vor einer solchen Entscheidung stehen. Mit ihnen beten. Ihnen um Himmels Willen Mut machen. Vielleicht Mut dazu, ein Kind zu bekommen, das anders sein wird als die anderen. Und damit wahnsinnig gut in diese Welt passt, in der es keine rechten Winkel gibt. Sondern Koalas und Schmeißfliegen und Wellen und Wind und Eisbären. Und Sechsecke. Die sind ganz besonders stabil und schön.

Jesus wusste nichts von Sechsecken, glaube ich. Er hatte wahrscheinlich auch keine Koalas jemals gesehen, ganz zu schweigen von Eisbären. Schmeißfliegen kannte er vermutlich. Der Esel, auf dem er nach Jerusalem hineinritt, hat sie mit seinem Schwanz verscheucht. Irgendwann blieb der Esel stehen. Der Weg vor ihm sah jetzt anders aus als bisher auf dem Weg aus Galiläa. Auf der Straße lag Kleidung. Mäntel und Tücher. Und Palmzweige, die die Leute von den Bäumen abgebrochen hatten. 

Hosianna, riefen sie, so laut, dass es Jesus in den Ohren klingelte. Schau, scheinen sie zu sagen, wir haben alles für Dich vorbereitet. Es fehlst nur noch Du, unser Messias, Retter der Welt. Wie ein König sollst Du kommen.

Und er kam. Aber nicht als König. Er fühlt sich nicht wie einer. Eher wie ein Diener. Einer, der dient. Den Menschen. In den letzten Monaten war er für sie da. Hat zugehört und war da. Hat gebetet für sie und war da. Wenn es nötig war, hat er Tische umgeworfen, weil es mal jemand geben musste, der klar macht, wo die Grenzen sind. Wenn es nötig war, hat er eine Frau, die von allen durch den Dreck gezogen wurde, in Schutz genommen. Er hat Schranken niedergerissen. Zwischen den Menschen. Zwischen oben und unten. Zwischen Himmel und Erde. Er hat alles getan für ein Leben, in dem es jeder Mensch wert war, zu leben. Und er ist bereit gewesen, dafür seinen Kopf hinzuhalten. Wie es im Predigttext heißt, den wir vorher gehört haben: Ich bot meinen Rücken dar, denen die mich schlugen. Mein Angesicht verbarg ich nicht. Darum habe ich mein Angesicht hart gemacht, wie einen Kieselstein, denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Gott ist mir nahe, der mich gerecht spricht.“

 Jesus hat keine falsche Rücksicht auf Rituale und Gewohnheiten  genommen, die Menschen diskriminierten. Er hat sich schutzlos ausgeliefert, mit all seiner Liebe und seinem ganzen Glauben an das Leben. Er hat so sehr gelebt und geliebt, dass er den Leuten verdächtig wurde. Weil sie glaubten, so einer, der die Welt aus den Angeln hebt, der will auch die Gesellschaft verändern. 

Liebe Gemeinde, ja, ich glaube, das wollte er. Ich glaube, Gott liegt etwas an unserem Leben und an uns. Es liegt ihm etwas daran, dass wir unser Leben hier gemeinsam auf die Reihe kriegen. Und manchmal gehört dazu auch, sich in die Nesseln zu setzen. Widerständig zu sein. Beschwerdebriefe zu schreiben. Menschen, die Behindertenparkplätze blockieren, dezent darauf hinzuweisen. 

Lassen wir die Hüllen fallen. Machen wir uns schutzlos. Werfen wir die falsche Vorsicht über Bord. Gott kommt. Er zieht ein auf einem Esel. Für die, deren Leben genauso gebrochen ist, wie seines, den Diener, den Knecht Gottes. Wir brauchen kein Hosianna, das nur für Könige da ist. Wir brauchen Menschen, die ihr Gesicht zeigen. Und es manchmal hart wie einen Kieselstein machen. Und die sagen „Wer will mein Recht anfechten? Siehe, Gott der Herr hilft mir. Er ist mir nahe, der mich gerecht spricht, wer will mit mir rechten? Er weckt mir selbst das Ohr.“ 

Liebe Gemeinde, dienen wir dem Leben. Dem Leben in seiner Vielfalt. Lassen wir die Hüllen fallen, den falschen Schutz. Damit wir das Leben sehen, die Koalas und die Sechsecke. Besonders die Sechsecke. Amen.

Sunny

Wenn die Nachbarin vom dritten Stock links Verdi-Arien sang, klapperten oben im vierten Stock die Gläser. Sie sang unter Dusche, beim Lockenwickler aufdrehen und besonders gerne beim Staubsaugen. Vielleicht dachte sie, beim Lärm des Staubsaugers würde man sie nicht im ganzen Haus hören? Vielleicht dachte sie auch gar nicht nach. Vielleicht sang sie auch einfach nur gern.

Im zweiten Stock rechts roch es immer nach Waschmittel. Nicht unangenehm, nur eindrücklich. Und die rotwangige Frau und ihr Mann sahen selbst immer ein bisschen gut geputzt und wohlriechend aus. Nur Sonntags, da roch es nach Blaukraut und Semmelknödel. Ja, auch Semmelknödel können riechen.

Im vierten Stock rechts hingegen duftete es jeden Tag anders. Nach Tomaten, Knoblauch und Auberginen. Manchmal auch nach Minze, Koriander und Zimt. Und immer nach vielen Zwiebeln. Der Mann arbeitete als Teppichschneider – zumindest war das die Arbeit, die er manchmal bei den Nachbarn machte, wenn jemand sich einen neuen Teppich fürs Schlafzimmer kaufte. Die Kinder waren vor allem viele, obwohl die Wohnung auch nur vier Zimmer hatte. 

Es waren zwei Häuser mit jeweils acht Wohnungen. Wenn man über den Dachboden lief konnte man ins Nachbarhaus laufen, da wo es immer nach Zwiebeln roch. Dann ganz nach unten – und dann durch den Keller wieder zurück in das erste Haus. Wenn man da wieder nach oben ging – da wohnte Sunny. Sunny war das schönste Mädchen der Siedlung. Sie hatte schwarze Haare, natürlich gefärbt. Und auch blonde, natürlich gefärbt. Ihre Nase war klein uns spitz und sie trug darin einen silbernen Stern. Dass ihr Bauch irgendwann dicker wurde, machte sie nicht weniger schön. Aber vielleicht am Anfang unglücklicher, das weiß ich nicht so genau. Ihre Eltern machte es auf jeden Fall unglücklich, zumindest am Anfang. Sie hätte es besser haben sollen. Ausbildung, feste Stelle, vielleicht Büro. Keine Sozialhilfe. Die Hälfte der Wohnungen in den beiden Häusern war für Sozialhilfeempfänger bestimmt, so hieß es damals noch. Nicht in allen Wohnungen roch es nach Waschmittel. In manchen auch nach Rauch. Und nach Alkohol. Nicht in allen Wohnungen sangen die Frauen. In manchen weinten sie auch und die Türen knallten dazu. Sunny hat sie mit Sicherheit zugeknallt, als sie an diesem Abend aus der Wohnung rauschte.

26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, 27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. 28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! 29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? 30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. 31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. 32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, 33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? 35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. 36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. 37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. 38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Sunny hieß eigentlich Sonja. Und sie zog die Sache durch. Machte die Hauptschule fertig. Warf die langen Haare im Bus nach hinten und zog das Mathebuch aus dem Rucksack. Ich saß manchmal vor ihr. Vor ihr, denn hinter ihr ging nicht. Die Coolen sitzen im Bus schließlich immer ganz hinten. 

Danach hab ich sie eine Zeit lang aus den Augen verloren. 

Und dann wieder gesehen an der Kasse beim Drogeriemarkt. Sie hat mich natürlich nicht erkannt. Aber sie war genauso schön wie früher. Mit glitzerndem Silberstern in der Nase. Das Kind hatte sie natürlich nicht dabei. Eine Kita gab es nicht. Aber Oma und Opa. Und einen Sandkasten vor unserem Haus. Kinder und Mütter und Opas mit Thermoskannen und Butterkeksen gab es eh genug. Fiel eines mehr auch nicht auf. Ronja hieß sie. Fast wie Sonja also.

Liebe Gemeinde, finden Sie es kitschig, dass ich Sunny mit Maria vergleiche? Weil es so ein Klischee ist? Das Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, aus dem Glasscherbenviertel, das dann alleine ihr Kind aufzieht? Und doch irgendwie alles gut hinbekommt?

Ja, liebe Gemeinde, das ist kitschig. Das macht es aber nicht falsch. „Fürchte Dich nicht. Du hast Gnade vor Gott gefunden. Und bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Das IST kitschig. Dass ein Engel erscheint, der Dir die Angst nimmt vor der Zukunft. In weißem Gewand vielleicht sogar und mit Flügeln. Das IST kitschig. 

Und dann sagt sie auch noch das: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Sie gibt dem Engel, sie gibt Gott ihr Leben in die Hand. Mir geschehe, wie Du willst. 

Im Magnificat, dem Loblied der Maria, das wir vorher gesungen haben heißt es: „Du hast die Niedrigkeit Deiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan.“ 

Als Magd bezeichnet sie sich, als Dienerin Gottes. Und lobt Gott dafür, dass er ihr Leben aus den Angeln gehoben hat. Dass er ihr alles genommen hat, was sie kannte und etwas gegeben hat, was sie nicht verstand. 

Sie wirkt gottergeben, die Maria die wir kennen. Aus den Bildern und der Lehre der treuen und frommen Muttergottes. Sie wirkt auch ein wenig brav und bieder, finde ich. Dabei muss sie doch wahnsinnige Angst gehabt haben damals! Sie muss doch um ihr Leben gefürchtet haben! Um das Leben, das sie kannte. 

Nein, liebe Gemeinde, ich glaube nicht, dass Maria sich über ihre Wahl zur „Mutter Gottes“ gefreut hat. Sie hat es nicht als Auszeichnung erlebt. Fürchte Dich nicht, hat der Engel zu ihr gesagt. Denn Du hast Gnade vor Gott gefunden. Gott will Gutes für Dich. Irgendwas hat sie dazu gebracht, ihm das zu glauben. Und nicht nur das. Sie hat ihm nicht nur geglaubt. Sie hat Mut gefasst. Anderen Mut als vorher. Lebensmut. Vielleicht hat sie es nach und nach dann zwar nicht als Auszeichnung, sondern als Auftrag gesehen, dass sie ein Kind unter dem Herzen trägt. Sie hat Gott gelobt. Ihn beschworen: Du sollst die Gewaltigen von Thron stoßen. Und die Niedrigen erheben. Die Hungrigen sollst Du mit Gütern füllen und die Reichen leer ausgehen lassen. So wie Du es an mir getan hast. Mich hast Du erfüllt. Mit Leben und Liebe. Mit unverhoffter Hoffnung.

Die Maria hat dem Engel sein „Fürchte Dich nicht!“ geglaubt. Das Fürchte Dich nicht hat sie getragen all die Jahre hindurch.

Ich weiß nicht, ob zu Sunny damals jemand „Fürchte Dich nicht!“ gesagt hat. Vielleicht nicht. Vielleicht eher sowas wie: „Wir kriegen das schon irgendwie hin.“ Das ist aber genauso gut. Fürchte Dich nicht. Vielleicht sind das Worte, die jedem Menschen gut tun, der ein Kind erwartet. Frauen und Männern. Müttern und Vätern. Wenn Politiker und Zeitungen über den §219a diskutieren, dann vergessen sie das manchmal. Dass es wichtig ist, das zu sagen „Fürchte Dich nicht.“ Dass Menschen Beistand bei ihren Entscheidungen brauchen. Egal, welche sie dann treffen. Weil man Mut braucht, um weiterleben zu können, egal wie. 

MietshausDas Haus, in dem Sunny und ich aufgewachsen sind, gibt es immer noch. Die Fassade wurde renoviert, das Treppenhaus auch. Den Sandkasten gibt es auch noch. Ich mag Häuser mit mehreren Wohnungen darin. Man hört Frauen Arien singen und trifft Leute im Treppenhaus. Es riecht nach Zwiebeln und manchmal gibt es Waffeln. Für alle. Am Sandkasten.

Ich mag die Mehrfamilienhäuser auch fast ein bisschen lieber als die ordentlichen Reihenhäuser mit doppelten Zäunen und Porzellanschildern über den Briefkästen. Vielleicht weil man den Mehrfamilienhäusern schon ansieht, dass darin gelacht und gestritten wird und nicht alles gold ist. Vielleicht mag ich sie auch, weil sie mich an Sunny erinnern. Und an das „Fürchte Dich nicht!“ des Engels.

Weihnachten ist trotzdem. Oder auch: Gnade.

Die folgende Predigt habe ich am Heiligen Abend in der Aschauer Friedenskirche gehalten. Sie ist ganz wesentlich inspiriert von einem Text von der großartigen Susanne Niemeyer: „Plan B„. Ihr findet diesen und weitere Texte auf ihrer Seite www.freudenwort.de. Ich danke ihr, dass ich meine Predigt hier veröffentlichen darf!

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Driving home for Christmas

Oh I cant wait to see those faces…

Sie musste lächeln. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie mitgesungen hatte. War auch sonst nicht so ihre Art. Sie hörte sonst auch kein Autoradio. Das war definitiv unter ihrer Würde.

Aber heute waren andere Dinge wichtig gewesen. Den letzten Flug nicht verpassen, den Mietwagen nehmen und dann einfach nur los. Weihnachten war sonst kein Thema für sie gewesen. Nie gewesen. Und ja, so kitschig das auch klang. Dieses Jahr war alles anders.

Er war anders. Er und seine Kinder. Ihretwegen fuhr sie „nach Hause“. Es war verrückt, aber  es fühlte sich tatsächlich an wie zuhause. Sie blickte in den Spiegel. Sie hatte rote Flecken im Gesicht und sie hatte Augenringe. Aber es war ihr fast egal in diesem Moment. Sie drehte das Radio lauter. But soon there’ll be a freeway yeah. Get my feet on holy ground

Mit den Trommeln fängt es an. Dann gleich die Flöten. Und spätestens wenn die Streicher einsetzen, ist es um sie geschehen. Dann ist es Weihnachten 1973 und die Thomaner singen. Die Tränen steigen schneller auf, als sie sie wegwischen kann. Sie schließt die Augen. Jauchzet, frohlocket. Auf preiset die Tage. Jauchzet! Frohlocket. Dass einen Worte der Freude und des Jubels so traurig machen können. Und so, so sehnsüchtig. 

Sie steht langsam auf und bewegt die Nadel des Plattenspielers vorsichtig auf die Seite. Aber erst als der letzte Ton verklungen ist. Niemals zu früh. Sie lächelt, als sie daran denkt, mit welch konzentriertem Gesichtsausdruck Georg das immer getan hat. Sie legt die Hände ans Gesicht. Sie atmet tief durch. Schaut noch einmal in den Spiegel: Man sieht ihr die Tränen noch an, aber das macht nichts. Sie schlüpft vorsichtig in den dunklen Mantel. Ihr Mann wartet. Ihre Töchter. Und die Enkel. Sie sind alle schon in der Kirche. Wie immer kommt sie erst zum Essen. Denn vorher hört sie das Weihnachtsoratorium. Alleine. Mit Georg.

Last Christmas I gave you my heart. But the very next day you gave it away.

Ja, er lachte sarkastisch auf, Weihnachten war es gewesen. Kurz vor Weihnachten, ein ganz tolles Geschenk. Nur war es keine Frau gewesen, sondern nur eine neue Stelle. Nur. Aber trotzdem, er hatte ihr sein Herz gegeben. Sein Herz und seinen Schlaf und seine Energie. Er hatte so viel investiert. Für nichts und wieder nichts. Nachdem er 6 Monate lang alles gegeben hatte, hatten sie ihn nach der Probezeit nicht behalten. But the very next day you gave it away. Es war ein verdammt beschissenes Jahr gewesen. Alle seine Versuche, das Beste daraus zu machen, waren gescheitert. Und nein, irgendwie sah es auch ein Jahr später noch nicht nach Happy End aus. Es war Weihnachten, er räumte Regale ein. Aber hey, immerhin gab es eine Packung abgelaufene Zimtsterne, die übrig war. Und Zimtsterne gehörten schon immer zu Weihnachten dazu für ihn. Sein Kollege ein Regal weiter winkte ihm zu. Mit einer Schachtel Zigaretten. Pause machen. Zimtsterne essen. Komisch. Weihnachten wurde es immer trotzdem. Auch wenn nichts sonst nach Weihnachten aussah. Zimtsterne gab es immer.   

Liebe Gemeinde,

Weihnachten kommt alles anders. Und zweitens, als man denkt. Dreimal war es Weihnachten. Einmal ganz anders als je zuvor. Einmal ganz so wie immer – nur nicht ganz in der Gegenwart. Und einmal trotzdem. Und eigentlich nur wegen der Zimststerne.

Und für alle drei ist es Weihnachten. Mit oder ohne Baum. Mit oder ohne Kirche. Sie alle hier haben sich für Kirche entschieden. Ich mich auch. Und ja, für mich gehört der Gottesdienst zu Weihnachten dazu. Und ich hab mich auch schon dabei ertappt, wie ich gedacht habe: Diese ganzen Leute, die Weihnachten feiern, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Was machen die da eigentlich? 

Aber ehrlich gesagt, immer wenn ich versuche, zusammenzufassen, worum es eigentlich an Weihnachten geht, scheitere ich. Um die Liebe? Wie in der Penny-Werbung? Ja, auch. Ums Essen, wie in der Aldi-Werbung? Ja, auch. Um die Familie? Wie alle immer sagen? Ja, auch. Um das Kind in der Krippe, um Gott, der Mensch wird, wie wir in der Kirche sagen? Ja, auch.

Aber wer weiß das schon so genau? Die Weihnachtsgeschichte selbst ist alles andere als eindeutig. Irgendwie weiß keiner so genau, wer der Vater ist. Irgendwie weiß keiner so genau, warum die Hirten eigentlich auch noch alle antanzen müssen. Irgendwie weiß keiner so genau, warum man auf einmal für Gott eine neue Geschichte brauchte. Die Vorstellung von Gott gab es schon vorher. Er war der allmächtige Gott, zu dem man betete, der die Israeliten die Hoffnung gab, aus der Knechtschaft befreit zu werden. Er war der Gott, über den man unser ganzes Altes Testament geschrieben hatte. Wozu eine neue Geschichte? Wozu der Stern, der Engel und sein „Fürchte Dich nicht!“ Wozu das Ganze?

Liebe Gemeinde, Weihnachten ist anders. Weihnachten ist nicht eindeutig. Weder wissen wir, wer der Vater war, noch wissen wir, ob das alles wirklich in Bethlehem war. Oder ob das einfach nur gut in die Story gepasst hat. Was wir aber wissen ist: Es war alles anders. Es war nichts eindeutig und klar und einfach. Es war mehrdeutig. Verwirrend und Verworren. Maria und Josef waren nicht geplant. Nicht die Krippe. Nicht der Esel. Und Gott? Für den wir ein neues Bild bekommen? Ein Baby im Stroh. Gibt es etwas, was wir weniger kennen, als ein neugeborenes Baby? Wenn ein Kind zur Welt kommt, wissen wir nichts von ihm. Seine Haarfarbe wird sich noch ändern. Seine Augenfarbe auch. Wir wissen noch nicht, ob unser Kind später lieber Essiggurken oder Schokocroissants essen wird. Das einzige, was wir wissen ist: Du bist anders. Du bist anders, als alles was wir kennen.

Liebe Gemeinde, Gott legt sich nicht fest. Deshalb wird er Mensch. Weil es nichts gibt, das so unvorhersehbar und so einzigartig ist, wie ein Mensch. Weil Menschen meistens das Beste im Sinn haben und sich dann zwischendurch nicht mehr so ganz sicher sind, wie das so genau geht. Weil Menschen meistens versuchen, alles richtig zu machen und irgendwann feststellen, dass es nicht nur ein richtig gibt und mindestens zwei falsch.

Weil wir Plan A verfolgen und dann irgendwann vor Plan B stehen. Plan B ist Katharina statt Annika und Fürstenried statt Frankfurt am Main. Ist nicht schlechter, nur anders.

Liebe Gemeinde, ich glaube, letztlich ist Plan B eine ziemlich gute Sache. Weil er uns befreit von der Vorstellung, dass es ein richtig oder falsch im Leben gibt. Das gibt es nicht. Es gibt nur ein anders. Plan B befreit uns von der lähmenden Überzeugung, dass es verpasste Chancen gibt, die uns das Glück für immer verwehren und Entscheidungen, die uns das Glück für immer garantieren. Gott legt sich nicht fest. Deshalb wird er Mensch. Er legt uns nicht fest. Nicht auf Jura oder Biochemie, nicht auf Peter oder Jakob, nicht auf hilflos oder mächtig. Er lässt uns frei. Er stellt uns Plan B zur Verfügung. Immer wieder. Manche sagen, so geht Gnade. Manche sagen, diese Gnade ist es, worum es an Weihnachten geht.

Weil Gott uns nicht festlegt auf das Eindeutige, Richtige, Wahre. Weil es nicht nur ein richtiges Leben gibt, sondern immer wieder Neuanfänge. 

Weihnachten ist Driving Home für Christmas, Weihnachtsoratorium und Last Christmas in einem. Oder hintereinander. Weihnachten ist Sehnsucht nach dem ganz anderen und trotzdem im Hier und Jetzt zuhause sein. Weihnachten braucht kein Happy End. Denn Weihnachten ist viel mehr Neuanfang als Schlusspunkt. Weihnachten ist trotzdem. 

An Weihnachten ist Plan B dran. Für jeden anders. Und für Gott ganz besonders. Er ist Mensch geworden, damit wir erleben und spüren können, dass seine Gnade niemals aufhört. Sondern genau jetzt anfängt. Frohe Weihnachten!

Von der Obrigkeit. Und wem wir untertan sind.

Endlich ist ein bisschen Ruhe eingekehrt in der Gaststube. Die letzten Teller mit Mittagessen hat sie schon rausgetragen aus der Küche. Jetzt muss sie noch die Tische abwischen und dann langsam die Kaffeetafeln eindecken. Katharina ließ sich auf einen der Holzstühle fallen und streckte die Beine aus. Nur ganz kurz sitzen, dachte sie, bevor ich weitermache. Um diese Zeit ist es meistens ziemlich ruhig im Speisesaal des Hotels. Die meisten Gäste legen sich für einen Mittagsschlaf hin und ziehen sich auf ihr Zimmer zurück. Das würde sie jetzt auch am liebsten machen. Aber sie ist im Dienst. Und Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps, oder so. Auf jeden Fall sind sie und der freundliche Schweizer dahinten am Ecktisch die Einzigen, die jetzt noch da sind. Ein netter Kerl ist das. Er trägt eine kleine Nickelbrille und spricht mit diesem irgendwie charmanten Schweizer Akzent. Grüezi, sagte er vorhin zu ihr und bestellte noch einen starken Kaffee nach dem Mittagessen. Die anderen Anzugträger, die da vorhin bei ihm saßen, sind auf ihre Zimmer verschwunden. Ihre Kollegin hat erzählt, das seien alles Kirchenleute, Bischöfe. So sahen sie auch aus. Ein bisschen steif.

Katharina lugt nochmal um die Ecke, ob der Chef sie sehen kann, dann greift sie schnell nach der Tageszeitung: Es ist der 31. Mai 1934 und die Meldungen in der Frankfurter Rundschau scheinen sich zu überschlagen: Seit die Hitler-Partei an der Macht ist, scheint es tatsächlich weniger Arbeitslose zu geben. Gleichzeitig müssen aber auch alle, die arbeiten wollen, sich ganz klar zur Partei bekennen. Ein Hitler-Bild hängt in jedem Büro, auch hier im Hotel natürlich. Bei jeder Gelegenheit machen Hitler und seine Leute klar: Ohne uns läuft hier gar nichts. Wer sich an die Partei hält, den Führergruß zeigt und sich nichts zuschulden kommen lässt, dem geht es gut. Und der Kirche, der geht es wohl genauso. Solange sie brav ihre Gottesdienste halten, ist alles in Ordnung. Aber wehe, einer sagt was gegen die Partei…

Katharina lässt die Zeitung sinken. Der Schweizer hinten in der Ecke steht auf und verlässt den Raum. Neugierig läuft sie zu seinem Tisch. Die Bibel liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. Der Römerbrief. Sie kann die Stelle kaum entziffern vor lauter Bleistift-Anmerkungen und Farbmarkierungen. Ein Absatz ist dick unterstrichen. Das 13. Kapitel. „Die Stellung zur staatlichen Gewalt“

1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. 2 Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen. 3 Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, dann wirst du Lob von ihr erhalten. 4 Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht die Strafe an dem, der Böses tut.

5 Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. 6 Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. 7 So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

Katharina lässt das Buch sinken. Alle Obrigkeit ist von Gott eingesetzt. Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung. 

Dann ist Hitler von Gott eingesetzt, dann ist jeder Widerstand gegen ihn ein Widerstand gegen Gott? 

Liebe Gemeinde, was wir gerade gehört haben, waren Worte des Apostels Paulus. Worte aus unserer Bibel. Jedermann sei untertan der Obrigkeit. Klingelt es ihnen da auch in den Ohren? Seid gehorsam. Widersetzt Euch nicht den Anordnungen von oben. Wer sich denen widersetzt, die Macht habe, der widersetzt sich Gott. 

Und ja, es gab eine Zeit, es ist noch gar nicht lange her, da sind die Evangelischen Kirchen in Deutschland diesem Pauluswort nur allzu bereitwillig gefolgt: Die lutherischen Bischöfe zeigten den Hitlergruß, betonten in ihre Predigten, wieviel Hitler und seine Partei für das deutsche Volk taten – und schwiegen ansonsten. Sie schwiegen über die Menschen, die das Land verließen, weil sie jüdisch, schwul, aufsässig, kritisch oder einfach klug waren. Sie sagten nichts zu den Heimen, in die die Kinder gebracht wurden, die nicht normal waren. Sie sagten nichts, wenn einem Menschen das Mensch-sein abgesprochen wurde. Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Da war kein Protest, da war kein Aufschrei. Es waren wenige die Widerstand leisteten. Es war viel einfacher, mitzulaufen.

Als am letzten Sonntag in Brasilien gewählt wurde, kam ein Mann an die Macht, der offen gegen Schwule, Ausländer und so ziemlich jede andere Minderheit in Brasilien hetzt. Und er hat dabei wortgewaltige Unterstützer: Einige der riesigen Mega-Kirchen in Brasilien fördern ihn mit Wahlkampf und Propaganda: Sie verkünden das Reich Gottes, jetzt und hier, schwärmen davon, dass der Heilige Geist Menschen gesund macht, jetzt und hier – und sie haben einen Erlöser gefunden, der in der Politik das Reich Gottes auf Erden einlösen soll. Die sogenannten neuen Pfingstkirchen wollen den Teufel austreiben – und erkennen ihn im Fortschritt, in der Demokratie und der Gleichberechtigung. 

Was die sogenannten Deutschen Christen im Nationalsozialismus, die Hitler offen als Führer von Gottes Gnaden feierten und die evangelikalen Radikalen in Brasilien verbindet: Das Reich Gottes und der Staat sind für sie eins geworden. Sie wissen genau, wie der Wille Gottes lautet. Sie verehren eine staatliche Ordnung und geben ihr den uneingeschränkten Segen Gottes. Sie verherrlichen die Politik – sie fallen auf die Knie vor einem Menschen. 

Aber wie heißt es in unserem Predigttext, den die Kellnerin Katharina in der Bibel gelesen hat: Steuer, dem die Steuer gebührt. Zoll, dem der Zoll gebührt – Ehre, dem Ehre gebührt. 

Liebe Gemeinde, sobald eine weltliche Ordnung anfängt, den Himmel auf Erden zu verkünden, vergöttert sie sich selbst. Sobald eine Partei anfängt, das Heil in sich selbst zu suchen und den Menschen das Blaue vom Himmel zu versprechen – da müssen Christinnen und Christen hellhörig werden. 

Damals, 1934 in dem Hotel in Wuppertal schrieben ein paar Theologen, darunter der Schweizer Karl Barth 6 Thesen auf, sechs Aussagen, in denen sie deutlich machten, wo der Staat seine Grenze hat, haben muss: 

Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.

Die sogenannte Barmer Theologische Erklärung entstand an diesem Tag im Mai 1934
in einem Hotel in Wuppertal. Es waren klare Worte – und sie reichten doch nicht aus.

Wir haben das große Glück, in einem Land zu leben, in dem die Menschenrechte geachtet werden, das demokratisch regiert wird. Wir haben das große Glück, in einer Ordnung zu leben, die von Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit gestaltet wird. Liebe Gemeinde, ich finde, eine solche Obrigkeit die sollten, ja, die müssen wir anerkennen, und ja, der müssen wir dienen. Denn sie fordert von uns Steuern, Zölle, die Beachtung der Straßenverkehrsordnung – und vielleicht noch ein paar andere Kleinigkeiten. Was unsere Obrigkeit nicht fordert: Unsere Seele. Unser Herz. Unsere Gedanken. Unsere Verehrung. Der, den wir Herr nennen, der hat Macht über uns, im Leben und im Sterben. Den beten wir an, weil er uns das Leben schenkt, das hier auf der Erde. Und weil er uns die Türen öffnet zum ewigen Leben und uns eben nicht das Blaue vom Himmel herunterholt: Keine Macht auf Erden hat Macht über uns, denn dieser Gott allein. Kein Staat. Kein Mensch.

Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Amen.

Eigentlich hätte ich morgen gerne gepredigt…Gedanken zur Landtagswahl in Bayern, die leider auch schon bei der Bundestagswahl aktuell waren.

Eigentlich hätte ich morgen gerne gepredigt. Am Wahlsonntag.
Ich hätte den Menschen gerne gesagt, dass sie wählen gehen sollen. So richtig von der Kanzel herab. Mit Moral und Autorität und von oben. Ich hätte ihnen dann auch gern gesagt, dass Sie keinen Mist bauen sollen. Nicht rechts wählen. Zum Beispiel. Weil diese Partei, die sich als Bürgerpartei verkauft, die Menschen für dumm verkauft. Ihnen das Blau vom Himmel als Schwarz verkauft und das Gelb als Rot. Weil diese Partei von Alternativen spricht, wo es um Anstand geht.
Ich hätte morgen gerne gepredigt und den Menschen all das gesagt, eine Viertelstunde lang.
Vielleicht ganz gut, dass ich nicht dran bin morgen.
Weil man den Menschen eben nicht von der Kanzel herab sagen darf, was sie wählen sollen. Weil die politische Agitation der Kirche nicht darin bestehen kann, den Menschen vorzuschreiben, was sie denken und tun sollen. Und schon gar nicht mit der Bibel als Legitimation und Autorität in der Hinterhand.
Vielleicht hätte ich also doch etwas anderes gesagt auf der Kanzel.
Vielleicht hättet ich gesagt, dass „Fürchtet Euch nicht!“ nicht nur die Botschaft des Weihnachtsengels ist. Sondern sowas wie eine Essenz des Christentums. Weil Rettung und Heil und Ganz-Sein und Frieden nicht in politischen Ideologien und Versprechungen zu finden sind, sondern eben nicht von dieser Welt sind. Weil es gefährlich ist, wenn Menschen Heil und Sicherheit versprechen auf Kosten der Ängste der Menschen. Vielleicht hätte ich gesagt, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist.
Vielleicht hätte ich auch aus dem Evangelium des Sonntags gelesen: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Das Reich Gottes, das kann man leider nicht bei der Bundestagswahl wählen. Und wer einem das Blaue vom Himmel verspricht, der verspricht einem das Reich Gottes. Der verspricht mehr als er halten kann.
Vielleicht hätten wir nach der Predigt das Wochenlied gesungen. Wer nur den lieben Gott lässt walten. Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut, heißt es da. Der baut keine Sandburgen und Luftschlösser aus Wahlversprechen, die beim nächsten Hochwasser weggespült werden.
Vielleicht würde ich all das sagen. Und hoffen, dass meine Gemeindeglieder ehrlich zu sich selber sind. Dass sie spüren, wovor sie Angst haben. Dass sie unterscheiden können, ob das, wonach sie sich sehnen, der Friede und der Segen des Reiches Gottes sind. Oder ob es Sicherheit, Wohlstand, Arbeitsplätze sind. Und was man davon bei der Bundestagswahl wählen kann. Weil man das Ewige nicht im Endlichen finden kann und das Reich Gottes nicht wählen kann.
Und am Ende, da würde ich beten. Ein altes Gebet, ein gutes: Herr, gib uns blöde Augen für Dinge, die nichts taugen. Und Ohren voller Klarheit für alle Deine Wahrheit. Amen.

Löwenzahn

Vom Fischbauch. Und von Ostern.

Predigt zum Ostersonntag 2018

Die Luft war klar und kalt. Der Boden noch hart von der Nacht.

Die Morgensonne kletterte zwischen den Bäumen hervor, als die zwei Frauen an dem Sonntag, den wir heute Ostern nennen, zum Grab liefen. Als sie vor dem Felshügel stehen, fällt ein Lichtstrahl vor ihnen auf den Boden. Der Stein, der gestern noch den Zutritt versperrte, lässt nun einen Spalt frei. Ein Riss voller Licht fällt in die Grabhöhle. „Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war, denn er war sehr groß.“ Das Grab ist leer. Und sie können ihren Augen nicht trauen, weil nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.

Und sie gingen hinaus und flohen vor dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen.

Die beiden Frauen rennen weg, so schnell sie ihre Füße tragen. Auf den Leichnam, auf den toten Körper Jesu wären sie gefasst gewesen. Auf den Tod waren sie eingestellt. Auf die Kälte des Grabhügels. Aber einen Engel, Worte der Hoffnung das hatten sie nicht erwartet.

Wir rennen davon, wenn das Leben uns zu nahekommt. Wir rennen davon, wenn wir weder vor noch zurückkönnen. Feststecken in der eigenen Angst. Verstrickt sind im eigenen Bild vom Glück. Gefangen sind in der festen Erwartung an uns selbst. Dann rennen wir davon. So weit wir können und mit einem Tränenschleier vor den Augen. Es sticht in der Kehle und das Herz pocht gegen die Brust. Sind Sie schonmal so weggelaufen?

So schnell gelaufen, dass Sie tatsächlich nicht wollten, dass jemand hinterher kommt? Warum sind Sie weggelaufen? Aus Panik vor der Zukunft? Aus Verzweiflung über die Vergangenheit? Oder aus Liebe zur Gegenwart?

Manchmal läuft man weg, bis es nicht weiter geht. Und steht dann an der Grenze, mit leeren Händen. Am äußersten Meer, da wo nur noch tiefes Wasser ist. Und ganz viel Ich und ganz wenig Gott. Ganz viel Angst und ganz wenig Gott.

„Aber der Herr ließ einen großen Fisch kommen, um Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.“ Jona, ein Prophet, ist Gott davon gelaufen: Gott hatte ihm einen Auftrag gegeben – den fand Jona definitiv eine Nummer zu groß für ihn. Auf und davon, dachte er sich, bloß nicht nach Ninive!

Davon gelaufen ist er, wie wir, der Jona. So schnell gerannt, bis zum äußersten Meer. Weggelaufen, weil er nicht erfüllen konnte, was das Leben von ihm wollte. Weggelaufen, weil er nicht tun konnte, was Gott von ihm verlangte: Nach Ninive gehen. Weggelaufen vor der Verantwortung, der Aufgabe, die zu groß war. Er konnte nicht.

Manchmal, wenn das Leben uns zu nahe kommt, dann rennen wir davon. Jona rennt Gott davon, läuft davon und hofft, dem Leben zu entkommen. Und dann, als er fällt, hinabtaucht in die dunklen Tiefen des Meeres, da wo nur noch Angst ist und wenig Gott, da schluckt ihn der Fisch.

Und dann sitzt er da, im Bauch des Fisches. Gerettet und doch verschluckt. Umhüllt von sich selbst. Gerettet und doch auf sich selbst zurückgeworfen. Man kann körperlich unversehrt und heil sein und innen drin trotzdem kaputt. Und so kann man ganz schön lange durchs Leben gehen. Indem man die Angst und die Verzweiflung fest in sich einschließt. Im Bauch des Fisches bleibt. Niemanden hineinschauen lässt in die eigene Dunkelheit. Sich einschließt in die eigene Logik. Wenn da drin ist, dann braucht man keinen Gott. Dann will man keinen Gott. Keinen, der einen herausholt aus dem Fischbauch. Man ist ja davon gelaufen. Ich bin ja davon gelaufen vor der Schuld, die mich eingeholt hat. Ich bin ja davon gelaufen, weil ich das Gefühl hatte, das wird mir hier zu groß, das kommt mir hier zu nah. Aber dann sitzen wir im Fischbauch, eingeschlossen in uns selbst. Und das Leben, vor dem wir davon gelaufen sind, es ist uns jetzt versperrt.

Nein, wir sind nicht wie Jesus, der den Weg an sein Kreuz ging. Der zwar zu Gott betete und flehte, er mögen den Kelch an ihm vorüber gehen lassen. Und der ihn dann austrank, bis zum letzten Tropfen. Wir sind nicht wie Jesus. Wir laufen davon wie Jona. Wir laufen vor Ninive davon, weg von dem, was uns Angst macht. Wir laufen davon und suchen das Leben woanders. Aber ich glaube, irgendwann holt es uns ein, das Leben. Irgendwann halten wir es im Bauch des Fisches nicht mehr aus. Irgendwann wird der Riss, durch den wir das Licht sehen, größer. Es gibt ihn nämlich, den Riss, durch den das Licht in uns hineinfällt.

Weil keiner es auf Dauer aushält, sich dem Leben zu verschließen. Weil wir einen Augenblick etwas vom Leben erhaschen, das uns Freiheit verspricht. Weil das Licht des Lebens sogar bis in den Bauch des Fisches leuchtet. Vielleicht sehen wir das Licht in einem Menschen, der so hell leuchtet, dass sein Licht auf uns fällt. Vielleicht sehen wir das Licht auf der anderen Straßenseite.

Drei Tage im Bauch des Fisches können sich viel länger anfühlen. Manchmal dauern sie ein halbes Leben.

Gekreuzigt, gestorben und begraben. Hinabgestiegen in das Reich das Todes. Am dritten Tage auferstanden von den Toten, heißt es im Glaubensbekenntnis. Wann die drei Tage vorbei sind? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Sie werden vorbeigehen. Sie werden vorbeigehen, wenn der Riss größer wird. Wenn das Sehnen nach dem Leben in uns überhand nimmt. Wenn wir imstande sind, die Augen zu heben. Zum Himmel zu sehen.

Wir entkommen dem Bauch des Fisches nicht aus eigener Kraft. Wir können die Tür, die uns vom Leben trennt, nicht selbst aufstoßen. Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Es ist der, vor dem wir davon gelaufen sind. Dem wir nicht unter die Augen treten konnten, weil wir das Leben, das er uns zumutet, nicht leben konnten. Es ist der, dessen Nähe wir nicht ertragen haben, weil sie uns unsere Angst vor Augen geführt hat. Er wälzt uns den Stein von unserem Grab. Er reißt den Himmel über uns auf. Er macht aus dem Riss, durch den das Licht fällt, einen Sonnenaufgang. Er macht aus dem Dämmerlicht die Morgenröte. Er wälzt uns dem Stein weg, der sich zwischen uns und das Leben gelegt hat. Gott reißt den Himmel über uns auf. Wir werden das Leben finden. So oft wir auch davonlaufen. Und wir werden davon laufen. Immer wieder. Man kann Gott lange mit Erfolg davonlaufen. Man kann sich lange vergraben vor dem Licht. Aber wir sind nicht für den Tod gemacht. Wir sind für das Leben geschaffen. Wir sind nicht dem Tod geweiht, sondern mit dem Leben gesegnet. Er ist auferstanden. Wir werden auferstehen. Immer wieder. Amen.

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Freiheit schmeckt nach Pommes rot-weiß. Eine Taufpredigt.

Manchmal darf man als Vikarin ja Kinder von FreundInnen taufen. Durfte ich jetzt sogar schon zweimal. Letztes Jahr den kleinen Max (Name geändert). Und ich finde, seine Eltern haben sich einen der schönsten Taufsprüche überhaupt ausgesucht:

Du stellst meine Füße auf weiten Raum. (Psalm 31,9)

So klein und unschuldig, wie Max jetzt da liegt/sitzt/kuschelt so
klein ist der doch gar nicht mehr! Der hat in seinem kurzen Leben schon ganz schön viel erlebt! Wie viele km der schon kreuz und quer durch Deutschland gefahren ist! Mit ein paar Wochen schon mit seiner Mama im Zug unterwegs…bei den Großeltern zu Besuch, Tanten und Onkels besucht…und behält dabei auch noch meistens seine gute Laune bei und hat die Ruhe weg! Das ist doch beneidenswert! Mit ganz viel Urvertrauen, habt ihr gesagt, schaut Max in die Welt. Und dass es eigentlich genau das ist, was ihr wollt, dass er bewahren kann.
Urvertrauen. Ein Blick in die Welt, der erstmal sagt: Hey, ich schau mir das hier jetzt mal
an, aber das, was ich sehe, das finde ich schon mal ganz gut. Mama und Papa, die mich
lieben und umsorgen. Großeltern, die sich um mich reißen. Und noch dazu: Eine ganz
große Welt, die nur darauf wartet von mir erobert und entdeckt zu werden und
ehrlich gesagt, Max, wenn Deine Eltern ihre Sabbatical Pläne
erstmal mit Dir auf dem Rücken umsetzen dannwirst Du ganz schön viel sehen von dieser Welt! Um mit einem solchen Urvertrauen in die Welt zu gehen, dafür wollt ihr beide Max Wurzeln geben. Ihr wollt ihm ein Zuhause geben, in das er immer wieder kommen kann wenn der Wind ihm mal ein bisschen zu scharf um die Nase weht. Wenn die Türen im Leben mal quietschen, oder ihm sogar vor der Nase zugeschlagen werden. Dann wird Eure Tür weit offen stehen und ohne groß zu fragen, werden es Eure Hände sein, die ihn halten wollen.
Fest verwurzelt sollst Du sein, lieber Max. In der Liebe Deiner Familie und der Zuneigung Deiner Freunde. Und gleichzeitig, das werden Deine Eltern auch bald merken, wirst Du irgendwann sagen: „So, vielen Dank für den guten Service, auch gastronomisch gar nicht schlecht aber jetzt, geh ich mal alleine los.“ Und weg wird er sein. Am Anfang vielleicht nur für ein paar Stunden in der Kita. Aber dann! Klassenfahrt, Round the world ticket bei den Genen wäre es kein Wunder! Die Freiheit, sie wird nach Salz und Meer schmecken. Vielleicht auch nach Rauch, Dieselöl und Asphalt. Oder nach Blumenwiesen und Pommes rotweiß. Eigentlich egal sie wird auf jeden Fall unglaublich gut schmecken. Und die Luft, sie wird unter Deine Arme fahren und Dich weit hinauf heben über Deine eigenen Grenzen hinaus. Über die bereits geteerten und geebneten Wege hinaus. Vielleicht wirst Du über Deinen eigenen Tellerrand schauen und Menschen begegnen, die das Leben ganz anders sehen als Du. Vielleicht werden sie Dich faszinieren und begeistern. Und vielleicht wirst Du, Max, jemand werden, der selber begeistert und mit Freude in die Welt schaut so wie Du es eigentlich auch heute schon tust.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“

diesen Taufspruch haben Eltern für Dich
ausgesucht. Von dem weiten Raum in dieser Welt habe ich grade erzählt vielleicht
haben Sie an ferne Länder gedacht, an all die Wege, die Max gehen wird. Aber der weite Raum, das ist das und noch viel mehr. Das ist eine Freiheit, die von Gott geschenkt ist. Das ist eine Freiheit, die ihren Grund hat in der Liebe Gottes, die wir bedingungslos nennen. Das ist eine Freiheit im Kopf und im Herzen. Denn den weiten Raum, den glaube ich, den brauchen wir vor allem hier drinnen. Hier drinnen, wo wir es uns selber oft ganz schön eng machen. Mit dem, was wir meinen, tun zu müssen. Mit dem, was wir meinen, glauben und denken zu müssen. Wir machen uns eng und klein in uns drinnen. Wir haben Angst vor unseren Gefühlen und Hoffnungen, weil sie so stark sind, dass wir manchmal Angst haben, wir müssten sie im Zaum halten. Manchmal mauern wir uns selber ein in unsere Vorstellungen von einem guten und richtigen Leben. Manchmal machen wir uns klein, weil es uns so gefährlich erscheint, größer zu sein, freier zu sein.
Aber in genau dieser Freiheit, die uns groß macht, schön und stark, in der sollen wir leben, wenn wir in Gottes Geist leben. Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit. Eine Freiheit, die uns nicht ins Bodenlose fallen lässt. Die uns aber auch nicht kleiner macht, als wir sind. Auf weiten Raum stellst Du Gott, unsere Füße. Aufrecht und frei sollen wir stehen in Deiner Welt. Zu Gottes Ebenbild sind wir geschaffen, das heißt nichts anderes als: Zur Freiheit sind wir gerufen. Eine Freiheit, die auch noch offen ist für Träume, haben wir vorher in dem Lied gesungen. Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Das ist ein Bekenntnis zu einem Gott, der mich nicht klein hält, der mich nicht niederdrückt. Das ist ein Bekenntnis zu einem Gott, der mir das Leben in all seinen Farben zeigen will, in all seiner Kraft und in all seinen Jahreszeiten.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum das ist ein Bekenntnis zu einem Gott, der bei Dir sein will, Max, egal auf welchen Ort in der Welt Du Deine Füße stellen willst. Und der bei Dir sein will, egal, worum sich Deine Gedanken und Ziele gerade drehen, der bei Dir sein will, auch wenn Du gerade ganz weit weg bist von Dir selbst.

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und Deine Rechte mich halten. Spräche ich, Finsternis möge michdecken und Nacht statt Licht um mich sein so
wäre auch Finsternis nicht finster bei Dir
und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Lieber Max, so ein Gott ist unser Gott. Einer, der die Nacht zum Tag macht, einer der
Dich trägt und hält und frei macht. Ein Kind Gottes bist Du, aus seiner Freiheit lebst Du.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und
Sinne in Christus Jesus. Amen.french-fries-2762014_1920

 

Fasching – ein Geständnis. Und eine Predigt. Und ein Lied.

Die folgende Predigt habe ich ziemlich genau vor einem Jahr in Aschau und Bernau am Chiemsee gehalten. Und ich hatte dabei ein Erdbeere auf dem Kopf. Zumindest bis zur Lesung des Bibeltextes. Fotos wurden leider vernichtet 😉 Und schon wieder gibt es ein Lied dazu. „Change“ von Tracy Chapman. Viel Freude beim Hören und Lesen!

Liebe Gemeinde,

ich muss heute ein Geständnis ablegen. Ich hoffe, es wird Sie nicht allzu sehr schockieren: Ich liebe Fasching. Oder Karneval. Oder Fasnacht. Oder wie immer Sie es nennen wollen. Ich liebe es, mich zu verkleiden. Jemand anders zu sein. Dieses Jahr bin ich zum Beispiel eine Erdbeere. Ich habe ein hübsches Kostüm an und auf dem Kopf ein grünes Hütchen. Auf die Wangen male ich mir rote Erdbeerbäcken und schwarze Punkte auf die Nase. Und dann passiert es mir schonmal, dass ich in meiner Verkleidung noch schnell zum Geldautomaten laufe. Dann wundere ich mich zunehmend, warum mich denn heute alle so ansehen – bis es mir wieder einfällt – Du bist eine Erdbeere.

Jedes Jahr aufs Neue vergesse ich, dass ich mich so gerne verkleide. Das Jahr ist so lang, der Fasching zumal hier in Oberbayern verhältnismäßig kurz.  Und wenn ich dann wie jedes Jahr kurz vor knapp mir ein Kostüm organisiert habe, mir das schnell überziehe und dann vor dem Spiegel stehe und mir rote Wangen male – dann fällt es mir wieder ein: Heute darf ich jemand anders sein.

Es gibt ja immer um diese Zeit in Zeitschriften und im Fernsehen diese Formate, wo gefragt wird: Was sagt ihre Verkleidung über Sie aus? Sind Sie ein lässiger Cowboy oder eine aufreizende Krankenschwester? Und dann kommt immer die Interpretation hinterher: Wir stellen im Fasching das dar, was wir im Alltag, im normalen Leben nicht sein können. Eine Flucht aus dem Alltag, in eine andere Rolle schlüpfen. Und ich glaube wirklich, da ist schon etwas dran. Ich weiß zwar nicht, welche verdrängten Anteile in mir gerne eine Erdbeere wären…aber vielleicht genieße ich es tatsächlich, einfach nur bunt und witzig auszusehen und nicht verantwortungsbewusst, gut organisiert und zuverlässig sein zu müssen. Sondern eben nur eine Erdbeere sein darf. Es ist eine kleine Verwandlung, die ich da durchmache. Und vielleicht entsteht meine Aufregung und meine Freude über den Fasching deshalb besonders dann, wenn ich vor dem Spiegel stehe und mir dabei zusehe, wie ich jemand anders werde.

Auch in unserem Predigttext geht es heute um eine Verwandlung. Allerdings um eine Verwandlung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Die nur in eine Richtung vorstellbar ist. Wir hören das Markus-Evangelium: Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in die Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin, denn die Ernte ist da.

Der Same, von dem Jesus da spricht, er wird verwandelt, er wächst. Aus dem Samen erwächst etwas  Neues. Zunächst ist nur der Halm sichtbar, langsam und zögerlich kämpft er sich durch die Erde nach oben – zumindest sieht es für uns so aus, wenn so wie jetzt im Frühling zaghafte neue Triebe aus der Erde treiben, wie die Krokusse, die jetzt manchmal schon durch die Schneedecke blinzeln. Aus dem Halm wird schließlich eine Ähre und dann, so heißt es in der Bibel – schickt die Erde den vollen Weizen in die Ähre. Und dann ist die Frucht reif zur Ernte – zum Mehl mahlen, Brot backen.

Zu dieser Verwandlung trägt der Mensch nicht viel bei, nur, dass er den Samen auf die Erde wirft. Der Rest geschieht automatisch, von selbst, weil es der natürliche Wachstumsprozess ist, der da in Gang gebracht wird. Ich habe weder eine Ahnung von Biologie noch vom Gärtnern – aber ich glaube, dieser Faszination des Wachsens, des von-selber-werdens, der kann man sich kaum entziehen.

Und eine solche Verwandlung, so will uns der Text begreiflich machen, vollzieht sich auch mit dem Reich Gottes? Das Reich Gottes, ein winzig kleiner Same, der reifen kann und irgendwann zu seiner Bestimmung kommt, nämlich nährendes Getreide zu sein?

An was denken Sie beim Reich Gottes? Im Vater Unser beten wir „Dein Reich komme, Deine Wille geschehe“ – das sprechen wir eigentlich im selben Atemzug, so als ob es dasselbe hieße: Wenn Gottes Reich da ist, dann wird alles so sein, wie Gott es will: Gut, gerecht, voller Frieden. Gottes Reich, das ist die Vollendung von Gottes Willen, das ist das, wonach wir uns sehnen. In Gottes Reich, da steht alles unter seiner Macht. Jesus erzählt seinen Jüngern ganz unterschiedliche Geschichten und Gleichnisse über das Reich Gottes. Und wenn man sie miteinander vergleicht, dann wird deutlich: Es geht immer um eine Veränderung. Um ein anders-werden. Manchmal liegt der Schwerpunkt der Reich-Gottes-Erzählungen dabei auf der Zukunft. Dann ist oft die Rede vom Gericht, vom Ende des Lebens, bei dem sich entscheidet, wer Einlass in das Reich Gottes findet. Hört man diese Erzählungen, wird deutlich: Bei Gott, da zählen andere Maßstäbe als im Hier und Jetzt. Im Reich Gottes, da ist es anders als hier. Da herrscht das Gute und Gerechte. In manchen Erzählungen vom Reich Gottes aber erweckt Jesus dagegen den Eindruck, als sei das Reich Gottes bereits da. Schon jetzt angebrochen im Hier und Jetzt. Als wäre es überall da, wo Menschen teilen, glauben, einander Gutes tun. Wenn er Blinde sehend macht, Lahme wieder gehen können – ist es da nicht zum Greifen nah, das Reich Gottes? Wo die Verhältnisse umgekehrt werden? Wo der Tod seine Macht verliert? Dein Reich komme – alles wird anders. Hier und Jetzt. Wo wir einander vertrauen, auf Gott vertrauen, in Liebe leben. Und dann, am Ende unseres Lebens tauchen wir ein in das Reich Gottes. Sind wir ganz bei ihm, erlangen wir das Ewige Leben.

Unser Bibeltext richtet den Blick aber nicht auf das, was das Reich Gottes ist. Wie das ewige Leben aussieht. Auch nicht, wann es beginnt, ob jetzt oder später. Das Gleichnis spricht vom Werden des Reichs Gottes, von seinem Wachsen, von einem Anders-werden. Ein Same der auf fruchtbare Erde fällt, der uns verändert. Was braucht es, damit bei uns ein Same auf fruchtbare Erde fällt, was braucht es, damit wir uns verändern? Und ich meine jetzt nicht das moralinsaure „Ändere Dich! Werde besser! Werde vernünftiger! Werde endlich erwachsen!“ Ich meine: Wann können wir uns verändern? Was brauchen wir, damit wir anders werden dürfen, ja, eine andere werden dürfen?

Wenn wir die Liebe eines Menschen spüren, wenn jemand unser Herz berührt, dann spüren wir eine solche Freiheit zur Veränderung. Weil es wie von selbst geht. Wenn der Same der Liebe in uns fällt, verändert er uns. Wie von selbst, so scheint es uns, geht diese Veränderung vor sich. Ohne unser Zutun. Und der Same bringt Frucht. Wir werden vielleicht mutiger. Klarer in unseren Entscheidungen. Wir merken, was uns wichtig ist. Manchmal verändert eine solche Liebe unser Bild von uns selbst. Und manchmal verändert sie unser ganzes Leben. Das Reich Gottes, so heißt es  bei Lukas, ist inwendig in Euch. Wenn ein Same Gottes in uns aufgeht, dann hat er viele Namen. Er heißt vielleicht Mut. Mut, etwas zu wagen, nicht mehr zu zögern. Die Frucht dieses Samens heißt dann vielleicht Freiheit. In den Geschichten des Alten Testaments, in der Erzählung von der Flucht der Israeliten oder dem Aufbruch Abrahams ins Gelobte Land, da hat der Mut die Früchte der Freiheit getragen. Der Same Gottes kann aber auch Sehnsucht heißen. Sehnsucht nach Anerkennung, nach gesehen-werden. Wenn der Zöllner Zacharias auf den Baum klettert, um Jesus sehen zu können, dann sehnt er sich auch danach, gesehen zu werden. Was er erlebt, ist es angenommen zu werden, ist Gemeinschaft. Vom Samen, bis zur Frucht, da vergeht einige Zeit. Das lesen wir auch in unserem Gleichnis. Der Bauer schläft und steht auf, Nächte und Tage vergehen. Langsam schieben sich die Triebe durch die Erde. Es braucht Kraft dafür. Geduld. Aber es braucht eben auch einen Anstoß, jemand der den Samen wirft.

Die Sängerin Tracy Chapman singt in ihrem Lied „Change“ davon, was passieren muss, damit wir bereit werden für eine Veränderung. Sie singt: Wen Du wüsstest, Du müsstest noch heute sterben, wenn Du das Angesicht Gottes und das Angesicht der Liebe sehen könntest, würdest Du Dich verändern lassen? Was lässt Dich deine Richtung ändern? Was lässt Dich vergeben und vergessen? Wenn alles was Du glaubst zu wissen, Dein Leben unerträglich machen würde – würdest Du Dich verändern lassen? Wenn Du wüsstest, Du hast deine Wahrheit gefunden – würdest Du Dich verändern lassen? Du bindest Dich so sehr an Deine eigenen Entscheidungen – kannst Du sie noch verändern? Wenn nicht für das Gute, wofür lohnt es sich dann, zu springen?“

Wenn Du in das Angesicht Gottes schauen kannst, wenn Du die Liebe sehen kannst, dann ist das Reich Gottes inwendig in Dir. Was brauchst Du, um Dich verändern zu lassen?

Liebe Gemeinde, wir müssen uns nicht als Erdbeere verkleiden, oder als Cowboy oder als Krankenschwester, um uns verändern zu können. Unsere Veänderung ist eine andere. Denn wir können gewiss sein: Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in die Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin, denn die Ernte ist da. Dann ist Gottes Reich inwendig in Euch. Amen.